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GLL-10: Zweiter Schritt – Das Lokale neu verteilen

Im vorigen Abschnitt wurde Globales lokalisiert, d.h. entmystifiziert, mit "Fleisch" unterlegt: Es wurde nach dem Ort gefragt, wo das Finanzkapital in die Krise schlittert bzw. sie verursacht (z.B. in den Büros der Wallstreet), der Irak-Krieg ausgelöst bzw. entfacht wurde (z.B. in den Kommandozentralen der US Army). Statt das Globale, das Strukturelle, das Totale amorph und abstrakt voraus zusetzen, ging es einerseits darum die vielen lokalen Stätten aufzusuchen an denen Struktur- und Kontexteffekte transportiert werden und andererseits deren zirkulierende Transportmittel (z.B. Dokumente der Bonitätseinschätzungen, Urkunden der Befehlsübermittlungen) nach zu verfolgen.

Im zweiten Schritt jetzt geht es darum, auch nicht das Lokale einfach so hinzunehmen, sondern – wie beim Globalen – hinein zu zoomen und zu entfalten. Nachdem der Kontext lokalisiert wurde (d.h. die geeigneten Orte für die Untersuchung gefunden und betreten wurden), interessiert nun nicht mehr das Wo sondern das Wie. Wie wird das Lokale hervorgebracht? Es geht dabei um die Rückverfolgbarkeit (Traceability) der lokalen Interaktionen.

Rückverfolgbarkeit (Traceability) lokaler Interaktionen

Der Knackpunkt für das Verständnis dieses zweiten Schritts besteht darin, dass in jeder lokalen Interaktion nicht nur der jeweilige Ort präsent ist, sondern auch andere Orte, nicht nur die (Jetzt-)Zeit der lokalen Interaktion wirkt (Gegenwart), sondern auch andere Zeiten (Vergangenheit und Zukunft) das Geschehen beeinflussen. Das "didaktische" Beispiel, das Latour anführt, ist eine Vorlesung an einer Universität, die in einem Hörsaal stattfindet, der zu einem früheren Zeitpunkt an einem anderen Ort geplant wurde, dessen Ausstattung aus Material von anderen Orten aus anderen Zeiten "bevölkert" ist und wo die gerade stattfindende lokale Interaktion als Vorbereitung für die in der Zukunft liegende Abschlussprüfung dient.

Sowohl das architektonische Grundgerüst als auch die Ausstattung des Hörsaals ist nicht einfach nur "da", sondern übernimmt bestimmte Funktionen im Gesamtarrangement, die jedoch nicht eindeutig sind, modifiziert bzw. "übersetzt" werden können. Tischbänke können nicht nur verstellt sondern auch anderes benutzt werden (z.B. als Raumtrenner).

Artikulatoren und Lokalisatoren

 

… was mit dem Ausdruck "lokale Interaktion" bezeichnet wurde, ist die Versammlung all der anderen lokalen Interaktionen, die woanders in Zeit und Raum verteilt und dazu gebracht worden sind, durch das Relais verschiedener nicht-menschlicher Akteure auf den Schauplatz einzuwirken. Diese transpor/tierte Präsenz von Orten an andere Orte will ich als Artikulatoren oder Lokalisatoren bezeichnen. (334f.)

Artikulatoren oder Lokalisatoren antizipieren einen Aspekt des Skripts für eine Szene. Es ist nicht alles improvisiert, sondern das meiste für die Ausstattung einer (allgemeinen, bzw. generischen) Szene ist bereits an Ort und Stelle vorhanden.

Artikulatoren bzw. Lokalisatoren sind nicht nur Bestandteile einer Szene, sondern sie "rahmen" sie auch, geben ihr einen Kontext, sind strukturierende Schablonen, die gewisse Aspekte einer Handlung anregen (aber nicht determinieren), begünstigen (aber nicht verursachen).

Damit werden aber die "Transportmittel" in den Vordergrund gerückt, d.h. die Bewegungen, Zirkulationen, Verlagerungen bzw. Überlagerungen zwischen Orten und nicht so sehr die Orte selbst.

"Orte eignen sich nicht gut als Ausgangspunkt, weil jeder von ihnen durch andere Orte gerahmt und lokalisiert wird … Die Zirkulation kommt zuerst, die Landschaft, in der Agenten und Formatierungsschablonen aller Art zirkulieren, ist sekundär. " (338)

Übergreifende Aspekte von face-to-face Interaktionen

Es sind 5 Aspekte, die zeigen, warum lokale Interaktionen  gerade nicht "lokal", d.h. begrenzt sind.

  1. Ort: Interaktion ist nicht isotopisch, weil alles was an irgendeinem Ort agiert, von Materialien und Akteuren "gerahmt" wird, die von anderen Orten kommen (siehe das obige Beispiel des Hörsaals). Es gibt also in diesem Sinne keine Lokalität der lokalen Interaktion.
  2. Zeit: Interaktion ist nicht synchron, weil z.B. Tisch, Kleidung, Schallwellen aus unterschiedlichen Zeiten stammen. Somit gibt es keine synchrone Interaktion, wo alle Bestandteile dasselbe Alter und Tempo haben.
  3. Gesamtschau/Totalität: Interaktion ist nicht synoptisch, weil jeweils andere Entitäten (Akteure) sichtbar sind, im Mittelpunkt stehen. Zwar können immer jeweils andere Bestandteile einer Szene hervorgehoben (sichtbar gemacht) werden, d.h.nicht bloß die Dozentin sondern auch Tisch, Blatt Papier, Tafel etc. hervor gehoben werden, doch geschieht dies (a) immer unvollständig und (b) gegen einen unendlichen und unspezifizierten Hintergrund (vgl. dazu genauer auch meine Habilitationsschrift Der Hintergrund des Wissens).
  4. Gleichartigkeit: Interaktion ist nicht homogen, weil die Stationen, über die Handeln verläuft, nicht die ganze Zeit hindurch dieselbe materielle Qualität haben. Es ist immer eine ganze Menge von nicht-menschlichen, nicht-subjektiven, nicht-lokalen Akteure die für eine Handlung zusammenströmen bzw. versammelt werden müssen.
  5. Druck: Interaktion ist nicht isobar, weil der Druck der von Mittlern und Zwischengliedern ausgeübt wird um berücksichtigt zu werden, jeweils ganz unterschiedlich ist. Einige Akteure sind neuartig und auffallend, andere sind Routine oder als Gewohnheiten in den Körper eingesickert und scheinbar unsichtbar.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass der Vorstellung einer lokalen Interaktion genauso wenig korrekt ist, wie die einer globalen Struktur.

Plug-ins

Wenn man das von außen Kommende als Mittler begreift, die eine Gelegenheit für den nächsten Agenten bieten, sich als Mittler zu verhalten, ändert sich vielleicht ein für allemal der ganze Schauplatz von Innen- und Außenwelt. Noch immer hält die Puppenspielerin viele Fäden in ihren Händen, doch jeder ihrer Finger wartet nur darauf, sich auf eine von der Marionette angezeigt Weise zu bewegen. Je mehr Fäden die Marionetten haben dürfen, dest artikulierter werden sie. (373)

Latour verwendet das Metapher von Plug-Ins (Add-Ons), also Zusätzen, die bei Bedarf herunter geladen werden können und damit die vorhandene Software-Ausstattung ergänzen. Der Widerspruch zwischen generischen Akteuren und individualisierten HandlungsteilnehmerInnen, der sich in der "Kluft der Ausführung" darstellt,  lässt sich durch den jeweiligen Rückgriff auf die entsprechenden Ressourcen ignorieren (aber nicht: aufheben, überwinden, auflösen!).

Für Latour ist es wichtig, dass nicht zwischen den beiden Extremen gependelt wird, also zwischen lokal/global, Akteur/System oszilliert wird, sondern dass die jeweilige Ausrüstung schichtenweise sukzessive verbessert bzw. versammelt wird. Wie Plug-ins können Kompetezten abonniert, herunter geladen und lokal installiert werden.

Diese Kompetenzen, die von außen angereichert werden, ersetzen jetzt aber nicht den Widerspruch lokal/global bzw. Akteur/System durch Außen/Innen bzw. Extern/Intern, vielmehr ist "Verinnerlichung" als graduelle Ausbreitung von äußeren Angeboten zu verstehen.

Hilfreich für diese Sichtweise ist die von Latour früher schon einmal erwähnte Metapher der Marionetten:

Natürlich sind Marionetten gebunden! Doch die Konsequenz besteht gewiß nicht darin, daß man zu ihrer Emanzipation alle Fäden abschneidet. Der einzige Weg für den Puppenspieler, die Puppen zu befreien, besteht darin, ein guter Puppenspieler zu sein. (372)

Unter diese Sichtweise kann der Ausdruck "Akteur-Netzwerk" auch fäschlicherweise als Lösung des Akteur/Systems-Dilemma aufgefasst werden. Statt aber einen neuen Ausdruck zu prägen, will Latour mit dieser möglichen Verwechslung leben, weil sich die Begrifflichkeit inzwischen durchgesetzt hat.

Statt also eine Lösung der Gegensätze Indviduum/Gesellschaft, Handlung/System, Innen/Außen etc anzubieten, schlägt Latour vor diese Pole zu ignorieren und durch ständige Lokalisierung des Globalen und Verteilung des Lokalen ihre Gegensätzlich zu minimieren. Alles muss flach gehalten werden:

  • Auf der einen Seite wird das Globale lokalisiert und durch die sie "fütternden" Transportwege sternförmig "platt gedrückt".
  • Auf der anderen Seite werden die menschlichen und nicht-menschlichen Akteure in der lokalen Interaktion durch Hinzuziehung von Artikulatoren und Lokalisatoren (= eine besondere Art von Mittlern) sternförmig ausgedehnt.

Statt das Augenmerk auf die Konzepte von "Kontext" oder "Interaktion" zu legen muss der Fokus auf die Konnektoren, Verknüpfungen und Verbindungen gelegt werden.

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Technische Rundschau 01

Um sich gegenseitig zu bildungstechnologischen Entwicklungen zu informieren, haben wir am Department einen neuen Sitzungstyp erfunden: Alle 6-8 Wochen treffen wir uns um uns gegenseitig kurz auf interessante Neuigkeiten hinzuweisen.

Die Mitarbeiter meines  Departments lieben die Retrowelle und haben daher für dieses informelle Zusammentreffen intern den Namen "Technische Rundschau" geprägt.

Nachfolge eine kurze Zusammenfassung der Themen dieser 1. (bildungs-)technologischen Rundschau des Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien.

social suicide

Webdienste, die das automatisierte Entfernen der eigenen Profile aus Social Networks anbieten. Die Betreiber der Community-Platformen sind darüber nicht sehr erfreut und verweigern z.B. "Suicide Machine" und "Seppukoo" den Zugriff.

http://www.seppukoo.com

 

etherpad

Webbasierter Editor zum gemeinsames Arbeiten an einem Dokument in Echtzeit. Der von Google im Dezember 2009 übernommene Dienst wird im März 2010 eingestellt. Der Quellcode wurde aber von Google veröffentlicht und ermöglicht den Betrieb eines eigenen Etherpad-Servers.

http://etherpad.com

 

eduroam ("Education Roaming")

Service von Universitäten österreich- und europaweit, Studierenden und Mitarbeiter/innen anderer Universitäten gewisse Services zur Verfügung zu stellen, wenn diese vor Ort sind, insbesondere einen überall gültigen WLAN-Zugang. In Österreich wird die Infrastruktur für eduroam von Aconet zur Verfügung gestellt.

http://www.eduroam.at

 

gps4elearning

Software + Lernkonzept für kompetenzbasiertes Lernen. Die Dokumentation der Kompetenzen und geplanten Lernziele bietet Lernenden und Lehrenden einen Überblick über den aktuellen Lernfortschritt und hilft bei der Organisation der zukünftigen Lernjobs.

http://www.lernenzwei.ch

 

prezi.com

Eine Art zoombares Multimedia-Mindmap. Alle Grafiken, Texte und Videos sind auf einer großen Fläsche verteilt. Der Ersteller der Präsentation legt einen Pfad fest, der bestimmt, in welcher Reihenfolge die Inhalte herangezoomt werden.
Ausgegeben wird die fertige Präsentation im Flash-Format.

http://www.pretzi.de

Virtuelle Forschungsnetzwerke

Es gbit bereits einige Webseiten die ForscherInnen bei ihrer Alltagsarbeit und Kooperation unterstützten.

 

Zotero 2.0

Die Firefox-Erweiterung bietet nun in der neuen Version die Möglichkeit der online Synchronisation und gemeinsame Verwaltung von Literaturlisten in Gruppen. Besonders gut ist Zotero beim Generieren von Daten aus dem Internet. Über eine eigene XML-Sprache CSL (Citation Style Language) für Bibliografiedaten kann der gewünschte Zitierstil geändert oder auch neu entwickelt werden. Es gibt bereits hunderte Zitierstile zur Auswahl.

Über einen Plug-In kann die Literaturverwaltung in Word und Open Office automatisiert werden.

http://www.zotero.org

 

Mendeley

Mendeley ist eine Kombination einer Desktop Anwendung und eines Websites. Mit Mendeley können ebenfalls - wie bei Zotero – Literaturressourcen gemeinsam gefunden und verwaltet werden. Es gibt ebenfalls einen Plug-In für das Literaturmanagement in Word.

 

http://www.mendeley.com

 

connotea.org

Social Bookmarking Dienst vor allem für ForscherInnen. Connotea erkennt eine Reihe von wissenschaftlichen Websites und sammeln automatisch Metadaten für den Artikel oder die Seite als Lesezeichen.

http://www.connotea.org

 

guavestudios.com

Best Practice-Beispiel für hochqualitatives Cross-Media-Design, kleine Firma in der Schweiz, von drei ehemaligen Informatikschülern der HTL Dornbirn gegründet - einfach als Anschauungsbeispiel gedacht, was mit neuesten Flash-Technologien im Webdesign möglich ist.

http://www.guavestudios.com

 

cyn.in

Kollaborationssoftware für Teams, Communities und Firmen. In getrennten Bereichen, genannt "Spaces", können Anwender Inhalte erstellen, suchen und diskutieren. cyn.in vereint dabei die Funktionen von Kollaborationstools wie Wikis, Blogs, Dateiablagen, Mikro-Blogs und Chats in einer einheitlichen Oberfläche. Als Alternative zum Webzugriff gibt es einen Desktop-Client, der die Nutzer über Aktivitäten informiert und eine bequeme Vorschau und Diskussion der Beiträge ermöglicht. Als Community-Edition (Open Source) oder Enterprise Version mit Service erhältlich.

http://www.cynapse.com/downloads/cynin-community-edition

 

edmodo.com

ist eine private microblogging Plattform, insbesondere für Schulen. edmodo erweitert das microblogging Konzept von twitter um didaktische Elemente (z.B. Aufgaben, Umfragen, Notizen, Kalender, etc.) und bietet interessante Ansätze für den Bildungsbereich.

http://www.edmodo.com

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GLL-11: Dritter Schritt - Orte verknüpfen

Alice-1
Alice-2
Alice-3
Alice-4
Alice-5
Alice-6
Alice-7
Soziales 1-4

Wir erreichen jetzt langsam das Ende unserer mühsamen (Lese-)Reise zur Akteurs-Netzwerk Theorie. Die Ameise kommt – nachdem sie stur den Akteuren in ihren Weg durch das Dickicht der verschiedenen Formen des Sozialen gefolgt ist – langsam wieder an das Tageslicht. Nachdem wir den Transportwegen der zirkulierenden Entitäten gefolgt sind, durch dunklen Kanäle und unübersichtliche Netzwerke den Blick für das Ganze verloren haben, eröffnet sich nun vor unseren Augen eine flache Landschaft in der alle Größenverhältnisse (Makro/Mikro) eingeebnet wurden und die wir aus der gleichen (nivellierten) Ebene aus betrachten:

  1. Wo werden die strukturellen Effekte tatsächlich produziert? Der erste Schritt verlegte das Große, Globale, Strukturelle in winzige Orte hinein: Der theoretische Kontext wurde dabei verflacht, verweltlicht, profanisiert d.h. in den empirische Alltag überführt. Es wurden dabei jene physikalischen Orte aufgesucht, wo die Akteure agieren und jede strukturelle Eigenschaft auf ihre lokalen Produktionsbedingungen zurückgezogen wird. Das sind (in eher geringerem Maße) selbst wiederum Handlungen; vor allem aber  Handlungen, die in Inskriptionen bzw. Einschreibungsgeräten (inscription devices) stabilisiert, verfestigt wurden, wie z.B. schriftliche Befehle, Anweisungen, Formulare, Gesetze aber auch der schwere Türschlüsselanhänger eines Hotels, der daran "erinnert" den Schlüssel in der Rezeption zurückzugeben, der hydraulische Türschließer, der die Arbeit des Tüschließens erledigt etc.
  2. Wie wird das Lokale hervorgebracht? Der zweite Schritt verteile die lokalen Handlungen, indem er jede dieser (Handlungs-)Orte in den provisorischen Endpunkt anderer Stätten transformierte, die in Raum und Zeit verteilt waren. Jeder Ort wurde dadurch zum Resultat von Existenzformen, die von ferne (sowohl räumlich als auch zeitlich) wirkten. Unsere Aufmerksamkeit hat sich dadurch auf diese Konnektoren gerichtet, die als strukturierende Schablonen wirken. Wir haben diese Einschreibungsgeräte nicht nur als Materialien und intellektuelle Technologien betrachtet, sondern sie auch als "soziale Werkzeuge" betrachtet, die nicht nur Zwischenglieder darstellen sondern als Mediatoren auch transformatorische Wirkungen (wie z.B. Delegation, Delokalisierung und Übersetzung) haben, die wir zurück verfolgt und studiert haben.
    Wann immer ein Ort auf einen anderen einwirken will, muß er ein Medium durchlaufen und etwas den ganzen Weg hindurch transportieren; um mit dem Einwirken fortzufahren, muß er irgendeine mehr oder weniger dauerhafte Verbindung aufrechterhalten. Umgekehrt ist jeder Ort nun Zielpunkt vieler solcher Aktivitäten, die Kreuzung vieler solcher Fährten, der provisorische Aufenthaltsort solcher Transportmittel. (379)
  3. Wie hängt alles zusammen? Im dritten Schritt nun fragen wir uns was passiert, wenn wir die beiden obigen Schritte – das Globale lokalisieren und das Lokale verteilen – gleichzeitig (d.h. eigentlich ständig oszillierend) durchführen? Es treten dann sowohl die Orte als auch die lokalen Handlungen in den Hintergrund. Der Blick richtet sich auf die Verknüpfungen selbst, auf die Transportmittel und ihre Zirkulationen in diesem Netzwerk. Es entstehen damit drei neue Fragen:
    1. Wieso können diese Konnektoren den Transport von Existenformen ermöglichen und dabei das Soziale so effizient formatieren/hervorbringen? Woraus bestehen sie, welchen Typus sind sie zuzurechnen?
    2. Was ist diese Natur der so transportierten Existenzformen bzw. Mittler/Mediatoren?
    3. Was liegt zwischen den Verbindungen?

Von Standards zu versammelten Aussagen

Latour bringt als Beispiel zur Illustration eine Bilderfolge, in der gezeigt wird, wie eine Frau (Alice) an einer Parlamentswahl in Frankreich teilnimmt:

  • Alice-1: Alice studiert Le Monde, um sich darüber klar zu werden, welche Partei sie wählen soll.
  • Alice-2: Alice nimmt sich im Wahllokal einen leeren Stimmzettel.
  • Alice-3: Alice verschwindet in der Wahlkabine um ihre Wahlstimme geheim abzugebe.
  • Alice-4: Alice bestätigt ihre Wahlberechtigung indem sie ihren Ausweis übergibt und wirft ihren ausgefüllten Wahlzettel in die Urne.
  • Alice-5: Alice bestätigt, dass sie gewählt hat, durch ihre Unterschrift.
  • Alice-6: Die Stimmen werden ausgezählt. Irgendwo darunter befindet sich Alices Wahlstimme.
  • Alice-7: Die Wahlergebnisse werden im Fernsehen verkündet.

Dieses Beispiel zeigt schön auf, wie die Interaktionen der Beteiligten durch sichtbare  (z.B. Wahlzettel) und unsichtbare (z.B. Wahlordnung) Inskriptionen formatiert werden. Wir können auch recht schön die Transportwege des Wahlzettels und seine Transformationen verfolgen:

  1. Vom Stapel aller (leeren) Wahlzettel im Wahllokal,
  2. über die Wahlkabine, wo er durch das Kreuz eine Transformation erfährt
  3. der Wahlurne, wo er durch die Anonymisierung ebenfalls transformiert wird (jetzt ist es nicht mehr Alices Wahlzettel, sondern ein Wahlstimme eines französischen wahlberechtigten Bürgers)
  4. zur Auszählung, wo mit der Umwandlung von einer qualitativen Entscheidung (welche Partei wurde gewählt) hin in eine Quantität, d.h. Zahl (Anzahl der Zettel, die z.B. das Kreuz in der zweiten Zeile haben) transformiert wird
  5. bin hin zu abschließenden Kundmachung welche Partei gewonnen hat womit auch letztlich ganz klar die Funktion des Wahlzettels (des "Inkriptionsgerätes") als Mediator, der etwas verändert, deutlich wird.

Aber das Beispiel zeigt auch die Nutzlosigkeit der Gegensätze Makro/Mikro bzw. Global/Lokal:

  • Ist das erste Bild bloß deshalb lokal, weil Alice alleine zu Hause sitzt? Sie hat doch eine Zeitung in der Hand. Der Text dieser Zeitung wird nicht nur von Millionen von Menschen gelesen sondern ist auch an einem entfernten Ort (der Zeitungsredaktion) entstanden, wobei nicht nur Verbindungen zu der Druckerei und die Auslieferung sondern z.B. auch die in der Zeitung integrierte Aktivität der Übersee-KorrespondentInnen den globalen Aspekt der Szene veranschaulicht.
  • Umgekehrt: Lässt sich sagen, dass das letzte Bild deshalb global sei, weil "ganz Frankreich" in einem Diagramm zusammengefasst ist? In der Wohnung von Alice, wo dieses Bild projiziert wird, nimmt es ja nur ein paar Zentimeter Fläche ein.
Eine Form ist einfach etwas, das es erlaubt, etwas anderes von einem Ort an einem anderen zu transportieren. Form wird somit zu einem der wichtigsten Übersetzungen. (386)

Für Latour ist der Wahlzettel, der von einem Ort zum anderen zirkuliert eine im materiellen Sinn zu verstehende Form mit einer sehr konkreten und praktischen Bedeutung eines Transportmittels. Information ist dementsprechend dann eine Handlung, die darin besteht etwas in eine Form zu bringen. Das kann ein Papierschnitzel, ein Dokument, ein Bankkonto etc. sein. (389)

Nun wechselt Latour ganz plötzlich die Gangart bzw. die Ebene: Ich persönlich habe mit dem Verständnis der folgenden Aussagen jetzt einige Schwierigkeiten. Sowohl die Bedeutung der Standardisierung als auch Metrologie erschließt sich mit nicht ganz. Trotzdem will ich versuchen, das was ich glaube verstanden zu haben, nachfolgend zusammen zu fassen:

Statt die materielle Rückverfolgbarkeit dieser unveränderlichen mobilen Elemente (z.B. Wahlzettel "an sich", das Formular, d.h. der standardisierte Wahlzettel) als eine wesentliche Aufgabe der Soziologie anzusehen, haben die SoziologInnen des Sozialen Nr. 1 diese Formalismen zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen, Klassifizierungen, Kategorisierungen und letztlich Standardisierungen genommen. Das ist zwar sehr wichtig, aber nur eine der Aufgaben der Soziologie. Anders ausgedrückt: Die Soziologie des Sozialen Nr.1 an sich vor allem angeschaut, mit welchen Formen die Kontroversen eingeebnet, verringert, formalisiert bzw. standardisiert wurden und hat sich weniger angeschaut, wie sie entstanden, entfaltet wurden. 

Diese bereits versammelten Aussagen wirken als Quasi-Standards und machen die anonymen und isolierten Aktanten vergleichbar. Das Wahlergebnis d.h. die versammelte Aussage "44% haben die Partei X gewählt", macht die Wähler dieser Partei unter diesen einem Aspekt vergleichbar - nicht nur untereinander, sondern auch mit den Wählern der anderen Partei, indem die Differenz deutlich wird.

Versammelte Aussagen zeichnen nicht nur neue Verbindungen sondern sind auch elaborierte Theorien. "Ich habe die Partei X gewählt, weil sie für Y eintritt" ist nicht nur ein Ausdruck, der das eigene Handeln rechtfertigt, sondern auch eine Formatierung des Sozialen: "Andere haben ebenfalls wegen Y die Partei X gewählt". Gleichzeitig steckt dahinter auch eine nicht ausgesprochene Theorie, wie soziale Welten insgesamt formatiert werden sollten: "Y ist wichtig und muss zum Durchbruch verholfen werden".

Soziales Nr. 2 Priorität einräumen!

Nun nachdem Latour seine starken Aussagen in den ersten Buchkapitel etwas differenziert hat (Auch das Soziale Nr. 1, also das bereits Versammelte, gehört untersucht und definiert.) erscheint das Soziale Nr. 2 nur mehr die folgenden - gegenüber der traditionellen Soziologie – wesentliche Unterschiede bzw. Momente zu haben:

  1. Soziales Nr. 1 ist das bereits Versammelte, "ältere" Soziale; während das Soziale Nr. 2, das "neuere" Soziale darstellt, das sich noch formt, das noch in Bewegung ist.
  2. Das Soziale Nr.1, das woraus die bereits geformte Gesellschaft besteht ist nur ein Teil der Assoziationen – dem Sozialen Nr. 2 – aus denen sich das Kollektiv versammelt.
  3. Soziales Nr.1 und Soziales Nr. 2 darf auf keinen Fall miteinander verwechselt werden. Wenn die Konzentration auf Soziales Nr. 1 liegt, dann besteht die Gefahr, dass Soziales Nr. 2 nicht berücksichtigt wird. Wenn neue, aktuelle Trends erforscht werden soll, wenn Neues entdeckt werden soll, dann muss der Untersuchung des Sozialen Nr. 2 Priorität eingeräumt werden.
    (Zu)erst auf das Objekt … schauen und dann erst auf das standardisierte Soziale (404)
    Es ist kontraintuitiv, unterscheiden zu wollen, "was vom Beobachter kommt" und "was vom Objekt kommt", wenn die offensichtliche Antwort lautet: der Strömung nachgehen". Objekt und Subjekt mögen existieren, doch alles Interessante ereignet sich stromauf und stromab. (408)
  4. Mit dem Sozialen Nr. 2 gewinnt die Soziologie endlich auch ein Objekt: Die formatierende Macht der Soziologie des Sozialen Nr. 1 hat sich immer nur auf die sozialen Rahmenbedingungen beschränkt und sich nicht mit dem Objekt an sich, seiner Wirkungsweise, seinem Aufbau, seiner Funktion, seiner Handhabung, etc. beschäftigt.
  5. In der prärelativistischen Soziologie des Sozialen Nr. 1 waren im Zentrum die Akteure, die handelnden Subjekte, die dann – durch einen Bruch – mit dem Sozialen Nr. 1 konfrontiert wurden. – Umgekehrt in der Soziologie des Sozialen Nr. 2: "Menschliche Teilnehmer und sozialer Kontext sind in den Hintergrund gerückt; was nun hervorgehoben wird, sind all die Mittler, deren starke Vermehrung neben vielen / anderen Entitäten hervorbringt, was man Quasi-Objekte und Quasi-Subjekte nennen könnte." (408f.)
  6. Es ist daher wichtig drei Aufgaben der Soziologie zu trennen und nicht zu verwechseln:
    1. Die Entfaltung der Kontroversen (Soziologie des Sozialen Nr. 2)
    2. Die Stabilisierung der Kontroversen (Soziologie des Sozialen Nr. 1)
    3. Suche nach politischer Relevanz (siehe nächstes Kapitel)

 Soziales Nr. 4 - das Plasma

Wenn wir den sozialen Überbau (Kontext, Rahmen) erfolgreich eingeebnet haben und die zu betrachtenden lokalen Wirkstätten der Akteure mit den anderen räumlich und zeitlich getrennten Orten verknüpfen und uns durch die Transportwege bemühen, dann stellt sich die Frage: Was existiert außerhalb des Netzes?

Ich nenne diesen Hintergrund Plasma und verstehe darunter das, was noch nicht formatiert, noch nicht vermessen, noch nicht sozialisiert ist, was noch nicht in metrologischen Netzwerken zirkuliert, noch nicht registriert, überwacht, mobilisiert oder subjektiviert ist. (419)

Anders als bei der Vorstellung von Substanzen (dem Sozialen Nr.1) lässt die Vorstellung von Netzwerken, Verbindungen und Verknüpfungen vieles frei. Ein Netz besteht in erster Linie aus Leeräumen. Genauso ist es mit unserem Wissen von den Assoziationen und der Gesellschaft: Handeln ist nie komplett (417); es gibt nicht nur viel Unbekanntes, sondern die terra incognita ist das Meer in das das kleine Schifflein unseres sozialen Untersuchung schwimmt bzw. droht unter zu gehen.

Das "Verborgene", das wir finden wollen ist daher weder "dahinter" noch "darüber", sondern "dazwischen". Es besteht auch nicht aus sozialem Stoff und ist nicht verborgen, sondern einfach (bisher) unbekannt.

Es ist ein Fehler mit dem Sozialen Nr.1 einen Rahmen/Kontext um das Feld zu legen, weil es damit nur als Black Box verpackt wird und für weitere Untersuchungen schwerer zugänglich gemacht wird. Die Hoffnung, dass die Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft alles umfasst ist ein Trugschluss. Gesellschaft ist nur ein Teil des Terrains. Es wäre aber ein Fehler unter dem Druck der "Verwissenschaftlichung der Soziologie" nach naturwissenschaftlichen Vorbild eine Art von Äther (das Soziale Nr. 1 als Substanz) anzunehmen, das die Leerstellen füllt und das Ganze zusammenhält.

Soziales 1, 2, 3 und 4 - Versuch einer Gesamtschau

Ich habe versucht mein (bisheriges) Verständnis der verschiedenen Sozialtypen in einem Schaubild zusammen zu fassen. Das Bild Soziales 1-4 zeigt, die Zusammenhänge, wie ich mir das vorstelle. 

Daraus wird deutlich, dass

  • das Soziale Nr. 3 (die soziale Interaktion) nur einen sehr geringen Teil ausmacht und selbst da (ohne der Tür im Hintergrund und dem Pult des Rezeptionspersonals etc. nicht allein lebensfähig ist (= durchgehende Beziehungspfeile)
  • das Soziale Nr. 2 lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit auf viele Objekte und deren Transformationscharakter sondern ist auch zahlenmäßig dominant (= gestrichelte Beziehungspfeile) bringt ein weit umfassenderes Bild als die bloße Betrachtung der sozialen Interaktion
  • das Soziale Nr. 1 als Kontext nur einen inhaltsleeren Rahmen ausmacht, der auf die realen Geschehnisse keinen Einfluss nimmt
  • das Soziale Nr. 4 immer und überall vorhanden ist. Die Abtrennung zeigt nur einen Bereich der relativ leicht in die Handlung integriert werden kann und so aus dem Hintergrund in den Vordergrund kommen kann. Aber zwischen den anderen Kanälen – die durch die Beziehungspfeile (durchgehend und gestrichelt) dargestellt werden – gibt es eine riesige Menge an terra incognita.

 

 

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GLL-12: Von der Gesellschaft zum Kollektiv

Im letzten Kapitel zieht Latour die Schlussfolgerungen zur politischen Relevanz der ANT. Er wendet sich insbesondere gegen den Vorwurf, dass ANT eine reaktionäre Sozialtheorie sei, die "Menschen wie Objekte behandelt" (438).

Ausgehend von meinem eher methodologischen Interesse bringt dieses Kapitel, das sich vorwiegend mit politischer Epistemologie beschäftigt, nicht mehr viel Neues. Außerdem verweist Latour hier auf seine ausführlichere Argumentation in "Wir sind nie modern gewesen" und "Die Hoffnung der Pandora". Ich kann mich also bei diesem Schlusskapitel ebenfalls kurz halten.

Vielfalt und Vereinigung – Mannigfaltigkeit und Einheit

Gegenüber der Kritik, dass ANT eine reaktionäre, den Menschen verdinglichende Sozialtheorie sein, hält Latour entgegen:

Wenn es eine Gesellschaft gibt, dann ist keine Politik möglich. (430)

Gemeint ist einfach, daß eine andere Rollenverteilung zwischen Wissenschaft und Politik versucht werden sollte. (431)

  1. Die kritische Soziologie verschmilzt Wissenschaft und Politik zu schnell, weil sie in allen Dingen immer das Soziale (Nr. 1) versteckt bzw. verborgen gesehen hat: Die Macht, die Verdinglichung, die Fetischisierung, die Unterdrückung, die Ausbeutung etc. Statt dessen geht es darum, dass drei verschiedene Pflichten nacheinander erfüllt werden: Zuerst gilt es (a) die Kontroversen zu entfaltet bzw. den Akteuren zu enfalten lassen, dann erst können (b) die Aktivitäten zur Stabilisierung untersucht werden um schließlich zu sehen, wie (c) die Zusammensetzung vorgenommen wird.
  2. Es geht darum einerseits die Mannigfaltigkeit der Welt (der Existenzformen) zu untersuchen und erst dann zu schauen, wie sich die Vielfalt in einer einzigen Welt versammelt. Die Gesellschaft (das Soziale Nr. 1) schließt diese Untersuchung bereits ab, indem sie den zweiten Akt als einzigen als bereits gegeben annimmt. Der Begriff der Gesellschaft ist ein statischer Begriff, der einer geschlossenen Black Box ähnelt, statt dessen geht es darum, die dynamische Versammlung nach zuzeichnen, d.h. aufzuspüren mit welchen Mitteln und wie sich das Kollektiv versammelt. Zuerst muss die Black Box geöffnet werden und die Frage aufgeworfen werden "Wie viele sind wir?" (= Kontroversen entfalten) und erst danach kann daran gegangen werden die politische Frage "Wie können wir zusammenleben?" zu beantworten.
  3. Weil Soziologie das Soziale Nr. 1 als statisch und dominant gegeben ansieht, hat sie einerseits immer recht, weil jeder Einwand der Akteure gerade eine Widerspiegelung dieser Macht-/Verdinglichung/Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse darstellt und ausdrückt. Andererseits hat sie aber keine politische Relevanz, weil gegenüber diesen totalitären Moloch von Gesellschaft kein aussichtsreicher Widerstand, keine Revolution möglich erscheint. Statt Ansatzpunkte für eine (schrittweise) Veränderung zu erkennen, bleibt der "kritischen" Soziologie nur Ohnmacht, Enttäuschung und Resignation. Damit ist sie aber empirisch leer und politisch letztlich irrelevant.

Zuerst zerlegen, dann zusammenbauen - Kritische Nähe, nicht kritische Distanz

Wenn die sozialen Kräfte nicht zerlegt und analysiert werden, dann besteht auch keine Möglichkeit gegen sie etwas zu tun. Sie erscheinen überwältigend und übermächtig. Deshalb muss das "Totale" aufgelöst, inspiziert und Unterschiede gesucht werden. Die mannigfaltigen Äußerungen der Wirklichkeit dürfen nicht weg erklärt werden, sondern müssen ernst genommen werden. "Nur in einer Welt, die aus Unterschieden besteht, machen die eigenen Handlungen 'einen Unterschied'". (433)

Aus diesem Grund geht es nicht darum kritische Distanz zu üben, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen uns die Dinge ganz aus der Nähe anschauen und trotzdem aber kritische Distanz bewahren. Diese Gefahr des "Going Native" ist nicht nur für Antrophologie aktuell, sondern gilt für alle (Sozial-)Wissenschaften!

Hier gibt es zwischen Sozial- und Naturwissenschaften eine interessante Asymmetrie: Die Objekte der Naturwissenschaften können nicht so einfach weg erklärt werden oder unberücksichtigt bleiben, wie dies in den Sozialwissenschaften möglich ist. Der Widerspruch der realen Welt (wenn z.B. Experimente scheitern oder technische Entwicklungen versagen) macht sich leichter als "umstrittene Tatsache" in der Physik, Chemie, Biologie bemerkbar, als es dies Akteure in den Sozialwissenschaften vermögen.

Diese Asymmetrie soll aber nicht verleugnen, dass auch in den Naturwissenschaften die Tendenz besteht eine vorzeitige Schließung vorzunehmen, d.h. bestreitbare Tatsachen als unbestreitbare Tatsachen darzustellen. Sie soll nur darauf verweisen, dass der Widerstand der Objekte weniger leicht wegdiskutiert werden kann, als der Widerstand der Subjekte. Wenn bestimmte Dinge  wie beobachtete Erscheinungen, Stimmen im Kopf einen religiösen Menschen zu bestimmten Handlungen bringen, dann ist es für SozialwissenschaftlerInnen leicht und einfach, diese Dinge als übernatürlich und eingebildet weg zu rationalisieren. Unbeachtet dabei aber bleibt, dass es diese Dinge in der subjektiven Welt des Akteurs wirklich gibt, sie als Akteure, die den Gläubigen zum Handeln bringen, tatsächlich existieren.

Hintern den Wörtern "sozial" und "Natur" lagen zwei völlig verschiedene Projekte verborgen, die quer zu diesen schlecht versammelten Versammlungen standen: eines, das Verbindungen zwischen unerwarteten Entitäten aufzeichnet, und ein anderes, das diese Verbindungen in einem irgendwie lebensfähigen Ganzen dauerhaft macht. Der Fehler besteht nicht darin, zwei Dinge gleichzeitig tun zu wollen – jede Wissenschaft ist auch ein politisches Projekt –, sondern darin, das erste Projekt aufgrund der Dringlichkeit des zweiten zu unterbrechen. Die ANT ist einfach eine Möglichkeit zu sagen, daß die Aufgabe, eine gemeinsame Welt zu versammeln, nicht ins Auge gefaßt werden kann, wenn nicht die andere Aufgabe ein gutes Stück über die engen Grenzen hinaus verfolgt wird, die ihr von der vorzeitigen Schließung des sozialen Bereichs gesteckt worden sind." (445)

Die traditionelle "kritische" Soziologie überspringt die primäre Aufgabe des Einbeziehen aller bestreitbaren Tatsachen und ersetzt sie mit der nachfolgenden und daher sekundären Aufgabe des Ordnens und Sortieren. Darin aber besteht nach Latour genau der wesentliche Vorteil der ANT, nämlich davon auszugehen, dass diese "beiden Aufgaben des Einbeziehens und des Ordnens getrennt bleiben müssen." (440)

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GLL-Erste praktische Erfahrungen mit ANT


Obwohl das Projekt "Gemeinsam Latour Lesen" (GLL) gerade erst abgeschlossen ist, haben sich daraus bereits einige praktische Konsequenzen in meiner Forschungsarbeit ergeben. Diese (positiven) Erfahrungen und Rückmeldungen beruhen darauf, dass ich die Grundidee von ANT bereits in verschiedenen Zusammenhängen (Betreuung bei Dissertationen, Projekt, Vortrag, Lehrveranstaltung) eingesetzt habe.

Im Nachfolgenden versuche ich nun rückblickend aus meiner Arbeit einige Schlussfolgerungen aus der ANT Perspektive nach zu zeichnen. Diese retrospektive Analyse ist natürlich als eine Re-Konstruktion zu verstehen, d.h. ich sehe die Entwicklung heute von einem anderen Gesichtspunkt als es zum damaligen Zeitpunkt der Fall war. Oder anders ausgedrückt: Nachdem ich die Actors-Network Theory (ANT) etwas besser verstehe, sehe ich die Ereignisse und Vorfälle in einem anderen Licht.

1. ANT: Das Netbook-Projekt und die Lifestyle These

 Eine ersten praktische Anwendungen der Actors-Network Theory (ANT) haben wir in das relativ neue Netbook-Projekt einfließen lassen. Der erste Grundgedanke dabei war, dass wir die Untersuchungsfrage gemäß öffnen und uns nicht bloß auf die traditionelle Evaluationsfrage "Verbessert der Einsatz der Netbooks den Unterricht?" beschränkten. Statt dessen untersuchten wir die Eigenschaften des Netbooks und verglichen es mit anderen 1-to-1 Computing Unterrichtsmittel wie z.B. PCs, Notebooks und Smartphones.

Ethnografischer Ansatz

Als Ergebnis erhielten wir verschiedene Unterschiede, die alle zusammen in dieselbe Richtung verwiesen: Netbooks sind durch ihre geringeren Abmessungen, ihr geringeres Gewicht, ihre längere Batterie-Betriebsdauer, ihr rasches Hochstarten, ihre relativ hohe Leistungsfähigkeit sowie durch die bei unseren Projekt integrierte ständige Möglichkeit der Internetverbindung weitaus leichter und angenehmer mobil einzusetzen als z.B. Notebooks. Diese vielen kleine Unterschiede könnten – wie es etwa durch die noch kleineren Smartphones bereits der Fall ist – dazu führen, dass sie nicht bloß Unterrichtsmittel, das nur in der Klasse oder zu Hause verwendet werden kann, zu einem neuen Lifestyle-Gadget werden (Folie 8 und 9 des Vortrags "New learning and teaching models emerging from 1‑to‑1 computing", PDF, 8.8 MB) . 

Wenn die Analytiker es auf sich nehmen, im vorhinein und a priori den Maßstab festzulegen, in den alle Akteure hineingehören, dann wird ein Großteil der Arbeit der Akteure, die diese leisten, um Verbindungen herzustellen, ganz einfach aus dem Blickfeld verschwinden. (Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, S.380)

Wohlgemerkt: Das ist vorerst eine Vermutung, eine Fragestellung, die wir untersuchen möchten. Allerdings hat diese Sichtweise eine wichtige Konsequenz: Abgesehen davon, dass wir – entsprechend der Idee von ANT – uns nicht auf eine traditionelle experimentelle Vergleichsstudie (z.B. Netbook-Klasse mit einer "normalen" Klasse) orientieren, sondern einen offenen ethnografischen Ansatz präferieren, müssen wir unsere Untersuchung über den unmittelbaren Unterricht in der Schule hinaus ausdehnen. Wir prägten zur Verdeutlichung dafür den Begriff des 360 Grad Lernens (Folie 16) und versuchten durch die Grafiken der unterschiedlichen Haltungen (Folien 17 und 18) deutlich zu machen, dass sich die Forschungsfrage und damit auch das Untersuchungsfeld weiter zu fassen ist, als es in der ursprünglich vorgesehenen Unterrichtsanalyse ("Evaluation") angelegt war.

Den Akteuren folgen - aber wie?

Wenn wir einen der wesentlichen Grundsätze von ANT anwenden wollen und den Akteuren in ihren Aktivitäten folgen, dann stellt sich sofort die Frage, wie wir das wohl tun könnten. Obwohl die meisten Fragestellungen für die wissenschaftliche Begleitung sich im Prinzip durch unsere Vorüberlegungen bereits ergaben (vgl. das Konzeptpapier Wissenschaftliche Begleitung zum Projekt 'Netbooks im Unterricht'PDF, 445 kB), war keineswegs klar, wie wir das Untersuchungsdesign zu gestalten haben. Neben (traditionellen) Unterrichtsbeobachtungen müssten wir eigentlich auch die SchülerInnen über die Nutzung des Netbooks zu Hause, in der Freizeit aber z.B. auch während des Schulwegs (Zug, Bus) befragen bzw. beobachten.

Abgesehen davon, dass eine solch umfassende begleitende Beobachtung mit dem geringen vorhandenen Projektetat nicht durchführbar ist, ergeben sich auch eine ganze Reihe methodologischer Probleme: Das fängt damit an, dass wir in die Privatsphäre (zu Hause, Familie, Freundeskreis etc.) eindringen müssten und endet damit, dass eine direkte Beobachtung das Nutzungsverhalten den Umgang mit den Netbooks auch stört bzw. beeinflusst.

Wie wir in diesem Buch schon oft gesehen haben, ermöglichen uns die Informationstechnologien, Assoziationen in einer Weise zu verfolgen, wie es bisher nicht möglich war. Nicht weil sie die alte "menschliche" Gesellschaft umstürzen und uns in formale Cyborgs oder "posthumane" Geister verwandeln, sondern genaus aus dem entgegengesetztem Grund: Sie machen sichtbar, was vorher nur virtuell präsent war. In früheren Zeiten war Kompetenz eine eher mysteriöse Angelegenheit, die schwer zurückzuverfolgen war; daher konnte man sie sozusagen nur en gros bestellen. Sobald Kompetenz jedoch in Bauds und Bytes entlang Modems und Routern gezählt werden kann, sobald sie Schicht für Schicht geschält werden kann, öffnet sie sich der Feldforschung. Jede einzelne Schicht hinterlässt eine Spur, die nun einen Ursprung hat, ein Etikett, ein Transportmittel, eine Zirkulationsbahn, macnhmal sogar ein Preisschild. (ebd. 358)

Dass was Ethnologen als Abhilfe dabei tun – nämlich selbstverständlicher Teil des Feldes zu werden, indem sie

  • entweder die Beobachtungszeiten so ausdehnen, sodass Gewohnheit eintritt und sie von den TeilnehmerInnen akzeptiert werden (wie es z.B. Shirley Strum in ihrer 15 jährigen Beobachtung von der immer gleichen Gruppe von Pavianen gemacht hat)
  • oder sich aber als teilnehmendes Gruppenmitglied ihre Distanz zu den Akteuren durch teilnehmende Beobachtung verringern

war für uns im Netbook Projekt nicht möglich. Sowohl Interviews mit retrospektiven Fragestellungen (Wann genau wurde das Netbook gestern benutzt?) oder aber die Bitte selbständig Aufzeichnungen zu führen hatten beide auch gewissen Nachteile  (wie z.B. die Gefahr von Erinnerungslücken bzw. Ungenauigkeiten, umständliche zusätzliche Arbeit). Die Installation einer protokollierenden automatisch und ständig arbeitenden Software konnte uns weder dabei helfen, wo (in welcher Situation) und warum (für welchen Zweck) das Netbook eingesetzt wurde - ganz abgesehen von den datenschutzrechtlichen Bedenken. Wir haben daher auch diese Lösung verworfen.

Ausgehend von eigenen Erfahrungen mit Twitter haben wir uns schließlich dazu entschieden Mikroblogging als Berichtssystem einzusetzen. Um den Datenschutzaspekten Rechnung zu tragen, wählten wir den Twitter-Klone floopo als Untersuchungswerkzeug aus. Floopo kann nicht nur als geschlossenes System auf unseren Universitätsserver installiert werden, sondern speichert – wiederum im Gegensatz zu Twitter – auch alle Aktvitäten in einer mySQL Datenbank ab. Damit können die SchülerInnen selbst steuern, ob und welchen Inhalt von Meldungen sie bekanntgeben möchten (vgl. Folie 33 und 34).

Abgesehen von den allgemein methodischen und technischen Überlegungen und ohne hier in das nicht ganz einfache operative Details des Untersuchungsdesigns einzugehen, ist die von uns gewählte Untersuchungsmethode bezüglich des ANT-Ansatzes in zweifacher Hinsicht interessant:

  1. Einerseits haben wir damit eine Möglichkeit gefunden den nicht-humanen  Akteur ("Aktant") Netbook "zum Reden zu bringen" (vgl. dazu auch das Kapitel über die dritte Quelle der Unbestimmtheit, S.109-149).
  2. Andererseits haben wir die von Latour im nebenstehenden langen Zitat angesprochene Eigenschaft der Informationstechnologie Assoziationen zu folgen, sie sichtbar zu machen, uns nutzbar gemacht.

 

2. ANT: Das Netbook-Projekt als "Möglichmacher" (enabler)

Ein anderer Aspekt des ANT-Ansatzes widerspiegelte sich in einer kritischen Entgegnung, die der Organisator Francesc Pedro  auf der New Millenium Learners-Konferenz äußerte. Man könne nicht sagen, so der Einwand, dass Technologie immer eine bestimmte Lerntheorie in sich implementiert hat (vgl. Folien 3 und vor allem Folie 4). Technologie selbst ist neutral, ein Werkzeug, das uns zu etwas befähigt, ein "Enabler" bzw. "Möglichmacher".

Dagegen gibt es drei unterschiedliche Einwände:

  1. Ich bestreite gar nicht, dass Netbooks (so wie andere Werkzeuge) als "Enabler" wirken (können). Doch die entscheidende Frage ist, zu was genau uns die Technologie genau befähigt, also was sie begünstigt und was nicht. Genau darin drückt sich aus, dass Technologie nicht neutral ist. Bestimmte Tätigkeiten werden begünstigt, andere nicht.
  2. Ein anderes Argument kommt von den Science and Technologie Studies (STS): Kurz und grob zusammengefasst besteht eines der Ergebnisse dieser Studien darin, dass die Entstehung bzw. Entwicklung einer bestimmten Technologie kein Zufall ist, sondern durch vorgängige kulturelle Werte, gesellschaftliche Bedingungen und politische Machtverhältnisse bedingt ist.

Es gibt aber noch ein weiteres, drittes Argument - und hier kommt ANT ins Spiel –, das klarlegt, warum die abstrakte Bezeichnung "enabler" problematisch ist. Es ist wichtig nicht bloß das Werkzeug alleine bzw. Mensch und Werkzeug getrennt zu sehen. Im Sinne der ANT ist es gerade die Verknüpfung von Werkzeug-Mensch, von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten, die hybriden Cyborgs wie Latour es auch nennt, die betrachtet werden müssen.

Cyborgs: Mensch/Maschine Kombinationen

Ein aktuelles politisches Beispiel das dieser falschen Trennungslogik aufsitzt ist die Debatte ob das Waffenrecht verschärft werden soll. Das Argument, dass gegen eine Einschränkung ist, lautet: "Guns don't kill people, people do!". Aber das umgekehrte Argument gilt genauso: "gun-less killers do not shoot people any more than killer-less guns do; but the fusion of human and non-human can lead to devasting results". (Grint & Woolgar: The machine at work, 1992:156).

Im Übrigen untersuchen wir genau aus diesem Grunde die Nutzung der Netbooks (im Unterricht und anderswo). Es ist die noch offene "Assemblage" von Netbooks und SchülerInnen/LehrerInnen, die es gilt zu erforschen. Hat sich erst einmal eine Technologie durchgesetzt und ist soweit zur Routine geworden, dass sie fast als untrennbarer Teil des Menschen (des menschlichen Körpers inklsuive seines Hirns) erscheint, also als bereits als "unbestreitbare Tatsache" auftritt, dann lässt sich der bis zu diesem Stadium vor sich gegangene Prozess der Veränderung (Transformations- bzw. Übersetzungsprozess) den das symbiotische Zwiegespann Mensch-Technologie erfahren hat, kaum mehr erkennen.

Inskriptionen untersuchen!

Ähnlich wichtig wie der Grundsatz "Den Akteuren folgen!" ist für die ANT-ForscherInnen eine zweite Regel: Inskriptionen suchen und untersuchen! Inskriptionen (oder Einschreibungen) sind alle Arten von Texten (wie z.B. Dokumente, Software) aber auch Handlungen, die in Objekte "eingeschrieben" wurden. So ist z.B. der schwere Schlüsselanhänger des Hotels eine solche Handlungseinschreibung. Er "erinnert" den Hotelgast durch seine großes Gewicht daran, dass der Schlüssel in der Hotelrezeption abzugeben ist. Er hat – übertragen gesprochen – die Handlung des Zurückgebens in seine Gestalt/Ausführung "eingeschrieben" bekommen. Ein anderes Beispiel für eine Inskription wäre der automatische Türschließer, der eine Handlung des Türstehers ersetzt, indem er die Türe automatisch schließt.

Dabei ist zu beachten, dass sich sich sowohl unsere Handlung durch die Technologie  modifiziert (wie begegnen einer sich automatisch öffnenden Tür anders, z.B. weil wir wissen, dass sie schwerer zu öffnen ist und – falls wir nicht den Raum um die Tür verlassen – uns auch unangenehm in den Rücken stoßen kann), als auch die Technologie einer Bewährungsprobe bzw. Verhandlungsprozess zumindest implizit und indirekt ausgesetzt ist (z.B. Kann die automatische Türschließung mit der "normalen" Tür preislich mithalten? Was ist wenn durch diese Tür auch häufig Kinder, Kranke, Behinderte usw. müssen, also alles Personen die nicht so kräftig sind?).

Aus diesem Grunde stellt die ANT die Untersuchung dieser sozio-technischen Mischgebilde in den Vordergrund und nicht etwa die getrennte Untersuchung der menschlichen wie nicht-menschlichen Akteure. Das mag jetzt trivial erscheinen, hat aber wesentliche Konsequenzen auf die Untersuchungsfragen. Statt einer vorgefassten Idee, wie denn die Netbooks in den Unterricht "richtig" eingesetzt werden wollen, sind ANT-ForscherInnen dem Feld gegenüber offener und untersuchen, wie sie tatsächlich benutzt werden. Abgesehen davon, dass damit nicht selten völlig neue Nutzungsmuster entdeckt werden, die vorher von den Technologieproduzenten gar nicht angedacht worden sind, wird damit das Augenmerk auf diesen Prozess der "Übersetzung" (Translation bzw. Veränderung) gelenkt. Das steht beispielsweise im krassen Gegensatz zur berühmten Innovationstheorie von Everett Rogers in Diffusion of Innovations, der von einer statischen Implementierung der Neuerung ausgeht (vgl. dazu auch meinen älteren Artikel zur Einführung von Notebooks, wo ich noch ziemlich genau der Roger'schen Theorie gefolgt bin).

3. Some Lesson Learned

Im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der DUK habe ich am letzten Freitag, den 26. Februar 2010 zum ersten Mal die Actors-Network Theory (ANT) auch unterrichtet. Den dabei entstandenen (leider noch sehr text-lastigen) Foliensatz (PDF, 1,6 MB) halte ich als Zusammenfassung meiner Lesereise recht praktisch. Mir sind dabei zwei Dinge aufgefallen, die mir vorher nicht so klar waren:

  1. Der Grundsatz "Den Akteuren folgen!" ist mit der ebenfalls sehr wichtigen Regel "Einschreibungen suchen und untersuchen!" zu ergänzen. Diese zweite Regel wird in dieser deutlichen Formulierung von Latour nicht so verwendet und ich habe ihr daher in der Lesereise zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch im Foliensatz ist sie erst rudimentär beschrieben (Folie 28)
  2. Die hilfreichen Fragestellungen um die 5 Quellen der Unbestimmtheit zu erforschen (7,10,12,13,17,20 und 21) müssen alle auf der vorhergehenden Untersuchung der Kontroversen (Debatte um die relevante Forschungsfrage, wie sie von den Akteuren im Feld geführt wird) beantwortet werden. Andernfalls wird die Untersuchung der Gruppenprozesse durch die theoretische Aufstellung aller möglichen theoretisch motivierten Gruppen aus der Sicht der ForscherInnen eingeschränkt. Statt aus der Sicht der Akteure zu untersuchen, wer SprecherIn ist, was er/sie sagt, wer GegensprecherIn bzw. Antigruppe darstellt, wird eine abstraktes Gruppeneinteilung (z.B. Lieferanten, Kunden, Angestellte, Mangement etc,) vorgenommen. Die Folge davon ist eine ganz traditionelle Untersuchung von bereits sich verfestigter Gruppenbilder statt das Aufsuchen der Spuren wie sich Aktanten zu Kollektiven assoziieren. Ich habe daher eine neue Folie (Nr.3) nachträglich dem Foliensatz zugefügt.
  3. Ein dritter wichtiger Aspekt, den ich aus einer Dissertationsbetreuung gelernt habe, zielt auf die stark unterschiedliche Bedeutung des Netzwerkbegriffs im Alltag und in der ANT ab. ANT versteht unter "Netzwerk" keine Common-Sense Netzwerke, wie wir sie aus der Alltagssprache kennen (Firmennetzwerk, Vertriebsnetzwerk, soziales Netzwerk, World Wide Web bzw. Internet, Stromnetzwerk, Schienennetzwerk etc.). Vielmehr geht es ANT um das Wirkungsnetzwerk von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten aufeinander, ihren Austauschbeziehungen aber auch ihren Kontroversen. Ein Beispiel für ein solches Netzwerk ist in Folie 33 dargestellt. Eine Hotelgast geht durch Drehtür, wendet sich an den Rezeptionisten und wird dabei über eine Videokamera überwacht. [Hotelgast -> Drehtür -> Rezeptionist -> Videokamera -> Überwachungspersonal] sind alles Elemente eines ANT-Netzwerkes, die zueinander in einer komplexen und vielschickten Beziehung stehen.
  4. Ein Nebeneffekt dieses – für mich so in aller Deutlichkeit neuen – Verständnisses von "Netzwerk" zeigt sich unter anderem darin, dass die Soziale Netzwerkanalyse (SNA) trotz der Namensähnlichkeit absolut nichts mit ANT zu tun hat. Im Gegenteil, es gibt diametral unterschiedliche Sichtweisen:
    • Während die soziale Netzwerkanalyse bereits von einem bestehenden Netzwerk in der Untersuchung ausgeht, ist es für die ANT gerade wichtig, den Akteuren und Aktanten beim Knüpfen des Netzwerkes zu folgen.
    • Während die Soziale Netzwerkanalyse nur Menschen im Fokus der Untersuchung hat, geht die ANT von sozio-technischen Mischformen ("Cyborgs") aus. Nicht-menschliche Aktanten habe in der ANT diesselbe Berechtigung und Bedeutung wie menschliche Akteure. ANT ist in diesem Sinne eine symmetrische Betrachtungweise von Gesellschaft und Natur, bzw. Kollektiv und Kulturtechniken.
New learning and teaching models emerging from 1‑to‑1 computing New learning and teaching models emerging from 1‑to‑1 computing
Größe: 8.0 MB - File type application/pdf
Folien: Actors-Network Theory Folien: Actors-Network Theory
Größe: 1.5 MB - File type application/pdf
Netbooks im Unterricht - Start Netbooks im Unterricht - Start
Größe: 5.9 kB - File type text/html
Dissertationsausschreibung: Netbooks und Schulentwicklung Dissertationsausschreibung: Netbooks und Schulentwicklung
Größe: 2.4 kB - File type text/html
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