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07.02.2010
GLL-10: Zweiter Schritt – Das Lokale neu verteilenIm vorigen Abschnitt wurde Globales lokalisiert, d.h. entmystifiziert, mit "Fleisch" unterlegt: Es wurde nach dem Ort gefragt, wo das Finanzkapital in die Krise schlittert bzw. sie verursacht (z.B. in den Büros der Wallstreet), der Irak-Krieg ausgelöst bzw. entfacht wurde (z.B. in den Kommandozentralen der US Army). Statt das Globale, das Strukturelle, das Totale amorph und abstrakt voraus zusetzen, ging es einerseits darum die vielen lokalen Stätten aufzusuchen an denen Struktur- und Kontexteffekte transportiert werden und andererseits deren zirkulierende Transportmittel (z.B. Dokumente der Bonitätseinschätzungen, Urkunden der Befehlsübermittlungen) nach zu verfolgen. Im zweiten Schritt jetzt geht es darum, auch nicht das Lokale einfach so hinzunehmen, sondern – wie beim Globalen – hinein zu zoomen und zu entfalten. Nachdem der Kontext lokalisiert wurde (d.h. die geeigneten Orte für die Untersuchung gefunden und betreten wurden), interessiert nun nicht mehr das Wo sondern das Wie. Wie wird das Lokale hervorgebracht? Es geht dabei um die Rückverfolgbarkeit (Traceability) der lokalen Interaktionen. Rückverfolgbarkeit (Traceability) lokaler InteraktionenDer Knackpunkt für das Verständnis dieses zweiten Schritts besteht darin, dass in jeder lokalen Interaktion nicht nur der jeweilige Ort präsent ist, sondern auch andere Orte, nicht nur die (Jetzt-)Zeit der lokalen Interaktion wirkt (Gegenwart), sondern auch andere Zeiten (Vergangenheit und Zukunft) das Geschehen beeinflussen. Das "didaktische" Beispiel, das Latour anführt, ist eine Vorlesung an einer Universität, die in einem Hörsaal stattfindet, der zu einem früheren Zeitpunkt an einem anderen Ort geplant wurde, dessen Ausstattung aus Material von anderen Orten aus anderen Zeiten "bevölkert" ist und wo die gerade stattfindende lokale Interaktion als Vorbereitung für die in der Zukunft liegende Abschlussprüfung dient. Sowohl das architektonische Grundgerüst als auch die Ausstattung des Hörsaals ist nicht einfach nur "da", sondern übernimmt bestimmte Funktionen im Gesamtarrangement, die jedoch nicht eindeutig sind, modifiziert bzw. "übersetzt" werden können. Tischbänke können nicht nur verstellt sondern auch anderes benutzt werden (z.B. als Raumtrenner). Artikulatoren und Lokalisatoren
Artikulatoren oder Lokalisatoren antizipieren einen Aspekt des Skripts für eine Szene. Es ist nicht alles improvisiert, sondern das meiste für die Ausstattung einer (allgemeinen, bzw. generischen) Szene ist bereits an Ort und Stelle vorhanden. Artikulatoren bzw. Lokalisatoren sind nicht nur Bestandteile einer Szene, sondern sie "rahmen" sie auch, geben ihr einen Kontext, sind strukturierende Schablonen, die gewisse Aspekte einer Handlung anregen (aber nicht determinieren), begünstigen (aber nicht verursachen). Damit werden aber die "Transportmittel" in den Vordergrund gerückt, d.h. die Bewegungen, Zirkulationen, Verlagerungen bzw. Überlagerungen zwischen Orten und nicht so sehr die Orte selbst. "Orte eignen sich nicht gut als Ausgangspunkt, weil jeder von ihnen durch andere Orte gerahmt und lokalisiert wird … Die Zirkulation kommt zuerst, die Landschaft, in der Agenten und Formatierungsschablonen aller Art zirkulieren, ist sekundär. " (338) Übergreifende Aspekte von face-to-face InteraktionenEs sind 5 Aspekte, die zeigen, warum lokale Interaktionen gerade nicht "lokal", d.h. begrenzt sind.
Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass der Vorstellung einer lokalen Interaktion genauso wenig korrekt ist, wie die einer globalen Struktur. Plug-ins
Latour verwendet das Metapher von Plug-Ins (Add-Ons), also Zusätzen, die bei Bedarf herunter geladen werden können und damit die vorhandene Software-Ausstattung ergänzen. Der Widerspruch zwischen generischen Akteuren und individualisierten HandlungsteilnehmerInnen, der sich in der "Kluft der Ausführung" darstellt, lässt sich durch den jeweiligen Rückgriff auf die entsprechenden Ressourcen ignorieren (aber nicht: aufheben, überwinden, auflösen!). Für Latour ist es wichtig, dass nicht zwischen den beiden Extremen gependelt wird, also zwischen lokal/global, Akteur/System oszilliert wird, sondern dass die jeweilige Ausrüstung schichtenweise sukzessive verbessert bzw. versammelt wird. Wie Plug-ins können Kompetezten abonniert, herunter geladen und lokal installiert werden. Diese Kompetenzen, die von außen angereichert werden, ersetzen jetzt aber nicht den Widerspruch lokal/global bzw. Akteur/System durch Außen/Innen bzw. Extern/Intern, vielmehr ist "Verinnerlichung" als graduelle Ausbreitung von äußeren Angeboten zu verstehen. Hilfreich für diese Sichtweise ist die von Latour früher schon einmal erwähnte Metapher der Marionetten: Natürlich sind Marionetten gebunden! Doch die Konsequenz besteht gewiß nicht darin, daß man zu ihrer Emanzipation alle Fäden abschneidet. Der einzige Weg für den Puppenspieler, die Puppen zu befreien, besteht darin, ein guter Puppenspieler zu sein. (372) Unter diese Sichtweise kann der Ausdruck "Akteur-Netzwerk" auch fäschlicherweise als Lösung des Akteur/Systems-Dilemma aufgefasst werden. Statt aber einen neuen Ausdruck zu prägen, will Latour mit dieser möglichen Verwechslung leben, weil sich die Begrifflichkeit inzwischen durchgesetzt hat. Statt also eine Lösung der Gegensätze Indviduum/Gesellschaft, Handlung/System, Innen/Außen etc anzubieten, schlägt Latour vor diese Pole zu ignorieren und durch ständige Lokalisierung des Globalen und Verteilung des Lokalen ihre Gegensätzlich zu minimieren. Alles muss flach gehalten werden:
Statt das Augenmerk auf die Konzepte von "Kontext" oder "Interaktion" zu legen muss der Fokus auf die Konnektoren, Verknüpfungen und Verbindungen gelegt werden.
10.02.2010
Technische Rundschau 01Um sich gegenseitig zu bildungstechnologischen Entwicklungen zu informieren, haben wir am Department einen neuen Sitzungstyp erfunden: Alle 6-8 Wochen treffen wir uns um uns gegenseitig kurz auf interessante Neuigkeiten hinzuweisen. Die Mitarbeiter meines Departments lieben die Retrowelle und haben daher für dieses informelle Zusammentreffen intern den Namen "Technische Rundschau" geprägt. Nachfolge eine kurze Zusammenfassung der Themen dieser 1. (bildungs-)technologischen Rundschau des Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien. social suicide
Webdienste, die das automatisierte Entfernen der eigenen Profile aus Social Networks anbieten. Die Betreiber der Community-Platformen sind darüber nicht sehr erfreut und verweigern z.B. "Suicide Machine" und "Seppukoo" den Zugriff.
etherpadWebbasierter Editor zum gemeinsames Arbeiten an einem Dokument in Echtzeit. Der von Google im Dezember 2009 übernommene Dienst wird im März 2010 eingestellt. Der Quellcode wurde aber von Google veröffentlicht und ermöglicht den Betrieb eines eigenen Etherpad-Servers.
eduroam ("Education Roaming")Service von Universitäten österreich- und europaweit, Studierenden und Mitarbeiter/innen anderer Universitäten gewisse Services zur Verfügung zu stellen, wenn diese vor Ort sind, insbesondere einen überall gültigen WLAN-Zugang. In Österreich wird die Infrastruktur für eduroam von Aconet zur Verfügung gestellt.
gps4elearningSoftware + Lernkonzept für kompetenzbasiertes Lernen. Die Dokumentation der Kompetenzen und geplanten Lernziele bietet Lernenden und Lehrenden einen Überblick über den aktuellen Lernfortschritt und hilft bei der Organisation der zukünftigen Lernjobs.
prezi.comEine Art zoombares Multimedia-Mindmap. Alle Grafiken, Texte und Videos sind auf einer großen Fläsche verteilt. Der Ersteller der Präsentation legt einen Pfad fest, der bestimmt, in welcher Reihenfolge die Inhalte herangezoomt werden. Virtuelle Forschungsnetzwerke
Es gbit bereits einige Webseiten die ForscherInnen bei ihrer Alltagsarbeit und Kooperation unterstützten.
Zotero 2.0Die Firefox-Erweiterung bietet nun in der neuen Version die Möglichkeit der online Synchronisation und gemeinsame Verwaltung von Literaturlisten in Gruppen. Besonders gut ist Zotero beim Generieren von Daten aus dem Internet. Über eine eigene XML-Sprache CSL (Citation Style Language) für Bibliografiedaten kann der gewünschte Zitierstil geändert oder auch neu entwickelt werden. Es gibt bereits hunderte Zitierstile zur Auswahl. Über einen Plug-In kann die Literaturverwaltung in Word und Open Office automatisiert werden.
MendeleyMendeley ist eine Kombination einer Desktop Anwendung und eines Websites. Mit Mendeley können ebenfalls - wie bei Zotero – Literaturressourcen gemeinsam gefunden und verwaltet werden. Es gibt ebenfalls einen Plug-In für das Literaturmanagement in Word.
connotea.orgSocial Bookmarking Dienst vor allem für ForscherInnen. Connotea erkennt eine Reihe von wissenschaftlichen Websites und sammeln automatisch Metadaten für den Artikel oder die Seite als Lesezeichen.
guavestudios.comBest Practice-Beispiel für hochqualitatives Cross-Media-Design, kleine Firma in der Schweiz, von drei ehemaligen Informatikschülern der HTL Dornbirn gegründet - einfach als Anschauungsbeispiel gedacht, was mit neuesten Flash-Technologien im Webdesign möglich ist.
cyn.inKollaborationssoftware für Teams, Communities und Firmen. In getrennten Bereichen, genannt "Spaces", können Anwender Inhalte erstellen, suchen und diskutieren. cyn.in vereint dabei die Funktionen von Kollaborationstools wie Wikis, Blogs, Dateiablagen, Mikro-Blogs und Chats in einer einheitlichen Oberfläche. Als Alternative zum Webzugriff gibt es einen Desktop-Client, der die Nutzer über Aktivitäten informiert und eine bequeme Vorschau und Diskussion der Beiträge ermöglicht. Als Community-Edition (Open Source) oder Enterprise Version mit Service erhältlich. http://www.cynapse.com/downloads/cynin-community-edition
edmodo.comist eine private microblogging Plattform, insbesondere für Schulen. edmodo erweitert das microblogging Konzept von twitter um didaktische Elemente (z.B. Aufgaben, Umfragen, Notizen, Kalender, etc.) und bietet interessante Ansätze für den Bildungsbereich. 13.02.2010
GLL-11: Dritter Schritt - Orte verknüpfenWir erreichen jetzt langsam das Ende unserer mühsamen (Lese-)Reise zur Akteurs-Netzwerk Theorie. Die Ameise kommt – nachdem sie stur den Akteuren in ihren Weg durch das Dickicht der verschiedenen Formen des Sozialen gefolgt ist – langsam wieder an das Tageslicht. Nachdem wir den Transportwegen der zirkulierenden Entitäten gefolgt sind, durch dunklen Kanäle und unübersichtliche Netzwerke den Blick für das Ganze verloren haben, eröffnet sich nun vor unseren Augen eine flache Landschaft in der alle Größenverhältnisse (Makro/Mikro) eingeebnet wurden und die wir aus der gleichen (nivellierten) Ebene aus betrachten:
Von Standards zu versammelten Aussagen
Latour bringt als Beispiel zur Illustration eine Bilderfolge, in der gezeigt wird, wie eine Frau (Alice) an einer Parlamentswahl in Frankreich teilnimmt:
Eine Form ist einfach etwas, das es erlaubt, etwas anderes von einem Ort an einem anderen zu transportieren. Form wird somit zu einem der wichtigsten Übersetzungen. (386) Für Latour ist der Wahlzettel, der von einem Ort zum anderen zirkuliert eine im materiellen Sinn zu verstehende Form mit einer sehr konkreten und praktischen Bedeutung eines Transportmittels. Information ist dementsprechend dann eine Handlung, die darin besteht etwas in eine Form zu bringen. Das kann ein Papierschnitzel, ein Dokument, ein Bankkonto etc. sein. (389) Nun wechselt Latour ganz plötzlich die Gangart bzw. die Ebene: Ich persönlich habe mit dem Verständnis der folgenden Aussagen jetzt einige Schwierigkeiten. Sowohl die Bedeutung der Standardisierung als auch Metrologie erschließt sich mit nicht ganz. Trotzdem will ich versuchen, das was ich glaube verstanden zu haben, nachfolgend zusammen zu fassen: Statt die materielle Rückverfolgbarkeit dieser unveränderlichen mobilen Elemente (z.B. Wahlzettel "an sich", das Formular, d.h. der standardisierte Wahlzettel) als eine wesentliche Aufgabe der Soziologie anzusehen, haben die SoziologInnen des Sozialen Nr. 1 diese Formalismen zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen, Klassifizierungen, Kategorisierungen und letztlich Standardisierungen genommen. Das ist zwar sehr wichtig, aber nur eine der Aufgaben der Soziologie. Anders ausgedrückt: Die Soziologie des Sozialen Nr.1 an sich vor allem angeschaut, mit welchen Formen die Kontroversen eingeebnet, verringert, formalisiert bzw. standardisiert wurden und hat sich weniger angeschaut, wie sie entstanden, entfaltet wurden. Diese bereits versammelten Aussagen wirken als Quasi-Standards und machen die anonymen und isolierten Aktanten vergleichbar. Das Wahlergebnis d.h. die versammelte Aussage "44% haben die Partei X gewählt", macht die Wähler dieser Partei unter diesen einem Aspekt vergleichbar - nicht nur untereinander, sondern auch mit den Wählern der anderen Partei, indem die Differenz deutlich wird. Versammelte Aussagen zeichnen nicht nur neue Verbindungen sondern sind auch elaborierte Theorien. "Ich habe die Partei X gewählt, weil sie für Y eintritt" ist nicht nur ein Ausdruck, der das eigene Handeln rechtfertigt, sondern auch eine Formatierung des Sozialen: "Andere haben ebenfalls wegen Y die Partei X gewählt". Gleichzeitig steckt dahinter auch eine nicht ausgesprochene Theorie, wie soziale Welten insgesamt formatiert werden sollten: "Y ist wichtig und muss zum Durchbruch verholfen werden". Soziales Nr. 2 Priorität einräumen!Nun nachdem Latour seine starken Aussagen in den ersten Buchkapitel etwas differenziert hat (Auch das Soziale Nr. 1, also das bereits Versammelte, gehört untersucht und definiert.) erscheint das Soziale Nr. 2 nur mehr die folgenden - gegenüber der traditionellen Soziologie – wesentliche Unterschiede bzw. Momente zu haben:
Soziales Nr. 4 - das PlasmaWenn wir den sozialen Überbau (Kontext, Rahmen) erfolgreich eingeebnet haben und die zu betrachtenden lokalen Wirkstätten der Akteure mit den anderen räumlich und zeitlich getrennten Orten verknüpfen und uns durch die Transportwege bemühen, dann stellt sich die Frage: Was existiert außerhalb des Netzes?
Anders als bei der Vorstellung von Substanzen (dem Sozialen Nr.1) lässt die Vorstellung von Netzwerken, Verbindungen und Verknüpfungen vieles frei. Ein Netz besteht in erster Linie aus Leeräumen. Genauso ist es mit unserem Wissen von den Assoziationen und der Gesellschaft: Handeln ist nie komplett (417); es gibt nicht nur viel Unbekanntes, sondern die terra incognita ist das Meer in das das kleine Schifflein unseres sozialen Untersuchung schwimmt bzw. droht unter zu gehen. Das "Verborgene", das wir finden wollen ist daher weder "dahinter" noch "darüber", sondern "dazwischen". Es besteht auch nicht aus sozialem Stoff und ist nicht verborgen, sondern einfach (bisher) unbekannt. Es ist ein Fehler mit dem Sozialen Nr.1 einen Rahmen/Kontext um das Feld zu legen, weil es damit nur als Black Box verpackt wird und für weitere Untersuchungen schwerer zugänglich gemacht wird. Die Hoffnung, dass die Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft alles umfasst ist ein Trugschluss. Gesellschaft ist nur ein Teil des Terrains. Es wäre aber ein Fehler unter dem Druck der "Verwissenschaftlichung der Soziologie" nach naturwissenschaftlichen Vorbild eine Art von Äther (das Soziale Nr. 1 als Substanz) anzunehmen, das die Leerstellen füllt und das Ganze zusammenhält. Soziales 1, 2, 3 und 4 - Versuch einer GesamtschauIch habe versucht mein (bisheriges) Verständnis der verschiedenen Sozialtypen in einem Schaubild zusammen zu fassen. Das Bild Soziales 1-4 zeigt, die Zusammenhänge, wie ich mir das vorstelle. Daraus wird deutlich, dass
21.02.2010
GLL-12: Von der Gesellschaft zum KollektivIm letzten Kapitel zieht Latour die Schlussfolgerungen zur politischen Relevanz der ANT. Er wendet sich insbesondere gegen den Vorwurf, dass ANT eine reaktionäre Sozialtheorie sei, die "Menschen wie Objekte behandelt" (438). Ausgehend von meinem eher methodologischen Interesse bringt dieses Kapitel, das sich vorwiegend mit politischer Epistemologie beschäftigt, nicht mehr viel Neues. Außerdem verweist Latour hier auf seine ausführlichere Argumentation in "Wir sind nie modern gewesen" und "Die Hoffnung der Pandora". Ich kann mich also bei diesem Schlusskapitel ebenfalls kurz halten. Vielfalt und Vereinigung – Mannigfaltigkeit und EinheitGegenüber der Kritik, dass ANT eine reaktionäre, den Menschen verdinglichende Sozialtheorie sein, hält Latour entgegen:
Zuerst zerlegen, dann zusammenbauen - Kritische Nähe, nicht kritische DistanzWenn die sozialen Kräfte nicht zerlegt und analysiert werden, dann besteht auch keine Möglichkeit gegen sie etwas zu tun. Sie erscheinen überwältigend und übermächtig. Deshalb muss das "Totale" aufgelöst, inspiziert und Unterschiede gesucht werden. Die mannigfaltigen Äußerungen der Wirklichkeit dürfen nicht weg erklärt werden, sondern müssen ernst genommen werden. "Nur in einer Welt, die aus Unterschieden besteht, machen die eigenen Handlungen 'einen Unterschied'". (433) Aus diesem Grund geht es nicht darum kritische Distanz zu üben, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen uns die Dinge ganz aus der Nähe anschauen und trotzdem aber kritische Distanz bewahren. Diese Gefahr des "Going Native" ist nicht nur für Antrophologie aktuell, sondern gilt für alle (Sozial-)Wissenschaften! Hier gibt es zwischen Sozial- und Naturwissenschaften eine interessante Asymmetrie: Die Objekte der Naturwissenschaften können nicht so einfach weg erklärt werden oder unberücksichtigt bleiben, wie dies in den Sozialwissenschaften möglich ist. Der Widerspruch der realen Welt (wenn z.B. Experimente scheitern oder technische Entwicklungen versagen) macht sich leichter als "umstrittene Tatsache" in der Physik, Chemie, Biologie bemerkbar, als es dies Akteure in den Sozialwissenschaften vermögen. Diese Asymmetrie soll aber nicht verleugnen, dass auch in den Naturwissenschaften die Tendenz besteht eine vorzeitige Schließung vorzunehmen, d.h. bestreitbare Tatsachen als unbestreitbare Tatsachen darzustellen. Sie soll nur darauf verweisen, dass der Widerstand der Objekte weniger leicht wegdiskutiert werden kann, als der Widerstand der Subjekte. Wenn bestimmte Dinge wie beobachtete Erscheinungen, Stimmen im Kopf einen religiösen Menschen zu bestimmten Handlungen bringen, dann ist es für SozialwissenschaftlerInnen leicht und einfach, diese Dinge als übernatürlich und eingebildet weg zu rationalisieren. Unbeachtet dabei aber bleibt, dass es diese Dinge in der subjektiven Welt des Akteurs wirklich gibt, sie als Akteure, die den Gläubigen zum Handeln bringen, tatsächlich existieren. Hintern den Wörtern "sozial" und "Natur" lagen zwei völlig verschiedene Projekte verborgen, die quer zu diesen schlecht versammelten Versammlungen standen: eines, das Verbindungen zwischen unerwarteten Entitäten aufzeichnet, und ein anderes, das diese Verbindungen in einem irgendwie lebensfähigen Ganzen dauerhaft macht. Der Fehler besteht nicht darin, zwei Dinge gleichzeitig tun zu wollen – jede Wissenschaft ist auch ein politisches Projekt –, sondern darin, das erste Projekt aufgrund der Dringlichkeit des zweiten zu unterbrechen. Die ANT ist einfach eine Möglichkeit zu sagen, daß die Aufgabe, eine gemeinsame Welt zu versammeln, nicht ins Auge gefaßt werden kann, wenn nicht die andere Aufgabe ein gutes Stück über die engen Grenzen hinaus verfolgt wird, die ihr von der vorzeitigen Schließung des sozialen Bereichs gesteckt worden sind." (445) Die traditionelle "kritische" Soziologie überspringt die primäre Aufgabe des Einbeziehen aller bestreitbaren Tatsachen und ersetzt sie mit der nachfolgenden und daher sekundären Aufgabe des Ordnens und Sortieren. Darin aber besteht nach Latour genau der wesentliche Vorteil der ANT, nämlich davon auszugehen, dass diese "beiden Aufgaben des Einbeziehens und des Ordnens getrennt bleiben müssen." (440)
28.02.2010
GLL-Erste praktische Erfahrungen mit ANTObwohl das Projekt "Gemeinsam Latour Lesen" (GLL) gerade erst abgeschlossen ist, haben sich daraus bereits einige praktische Konsequenzen in meiner Forschungsarbeit ergeben. Diese (positiven) Erfahrungen und Rückmeldungen beruhen darauf, dass ich die Grundidee von ANT bereits in verschiedenen Zusammenhängen (Betreuung bei Dissertationen, Projekt, Vortrag, Lehrveranstaltung) eingesetzt habe. Im Nachfolgenden versuche ich nun rückblickend aus meiner Arbeit einige Schlussfolgerungen aus der ANT Perspektive nach zu zeichnen. Diese retrospektive Analyse ist natürlich als eine Re-Konstruktion zu verstehen, d.h. ich sehe die Entwicklung heute von einem anderen Gesichtspunkt als es zum damaligen Zeitpunkt der Fall war. Oder anders ausgedrückt: Nachdem ich die Actors-Network Theory (ANT) etwas besser verstehe, sehe ich die Ereignisse und Vorfälle in einem anderen Licht. 1. ANT: Das Netbook-Projekt und die Lifestyle These
Eine ersten praktische Anwendungen der Actors-Network Theory (ANT) haben wir in das relativ neue Netbook-Projekt einfließen lassen. Der erste Grundgedanke dabei war, dass wir die Untersuchungsfrage gemäß öffnen und uns nicht bloß auf die traditionelle Evaluationsfrage "Verbessert der Einsatz der Netbooks den Unterricht?" beschränkten. Statt dessen untersuchten wir die Eigenschaften des Netbooks und verglichen es mit anderen 1-to-1 Computing Unterrichtsmittel wie z.B. PCs, Notebooks und Smartphones. Ethnografischer Ansatz
Als Ergebnis erhielten wir verschiedene Unterschiede, die alle zusammen in dieselbe Richtung verwiesen: Netbooks sind durch ihre geringeren Abmessungen, ihr geringeres Gewicht, ihre längere Batterie-Betriebsdauer, ihr rasches Hochstarten, ihre relativ hohe Leistungsfähigkeit sowie durch die bei unseren Projekt integrierte ständige Möglichkeit der Internetverbindung weitaus leichter und angenehmer mobil einzusetzen als z.B. Notebooks. Diese vielen kleine Unterschiede könnten – wie es etwa durch die noch kleineren Smartphones bereits der Fall ist – dazu führen, dass sie nicht bloß Unterrichtsmittel, das nur in der Klasse oder zu Hause verwendet werden kann, zu einem neuen Lifestyle-Gadget werden (Folie 8 und 9 des Vortrags ", 8.8 MB) .
Wohlgemerkt: Das ist vorerst eine Vermutung, eine Fragestellung, die wir untersuchen möchten. Allerdings hat diese Sichtweise eine wichtige Konsequenz: Abgesehen davon, dass wir – entsprechend der Idee von ANT – uns nicht auf eine traditionelle experimentelle Vergleichsstudie (z.B. Netbook-Klasse mit einer "normalen" Klasse) orientieren, sondern einen offenen ethnografischen Ansatz präferieren, müssen wir unsere Untersuchung über den unmittelbaren Unterricht in der Schule hinaus ausdehnen. Wir prägten zur Verdeutlichung dafür den Begriff des 360 Grad Lernens (Folie 16) und versuchten durch die Grafiken der unterschiedlichen Haltungen (Folien 17 und 18) deutlich zu machen, dass sich die Forschungsfrage und damit auch das Untersuchungsfeld weiter zu fassen ist, als es in der ursprünglich vorgesehenen Unterrichtsanalyse ("Evaluation") angelegt war. Den Akteuren folgen - aber wie?
Wenn wir einen der wesentlichen Grundsätze von ANT anwenden wollen und den Akteuren in ihren Aktivitäten folgen, dann stellt sich sofort die Frage, wie wir das wohl tun könnten. Obwohl die meisten Fragestellungen für die wissenschaftliche Begleitung sich im Prinzip durch unsere Vorüberlegungen bereits ergaben (vgl. das Konzeptpapier Wissenschaftliche Begleitung zum Projekt 'Netbooks im Unterricht', Abgesehen davon, dass eine solch umfassende begleitende Beobachtung mit dem geringen vorhandenen Projektetat nicht durchführbar ist, ergeben sich auch eine ganze Reihe methodologischer Probleme: Das fängt damit an, dass wir in die Privatsphäre (zu Hause, Familie, Freundeskreis etc.) eindringen müssten und endet damit, dass eine direkte Beobachtung das Nutzungsverhalten den Umgang mit den Netbooks auch stört bzw. beeinflusst.
Dass was Ethnologen als Abhilfe dabei tun – nämlich selbstverständlicher Teil des Feldes zu werden, indem sie
war für uns im Netbook Projekt nicht möglich. Sowohl Interviews mit retrospektiven Fragestellungen (Wann genau wurde das Netbook gestern benutzt?) oder aber die Bitte selbständig Aufzeichnungen zu führen hatten beide auch gewissen Nachteile (wie z.B. die Gefahr von Erinnerungslücken bzw. Ungenauigkeiten, umständliche zusätzliche Arbeit). Die Installation einer protokollierenden automatisch und ständig arbeitenden Software konnte uns weder dabei helfen, wo (in welcher Situation) und warum (für welchen Zweck) das Netbook eingesetzt wurde - ganz abgesehen von den datenschutzrechtlichen Bedenken. Wir haben daher auch diese Lösung verworfen. Ausgehend von eigenen Erfahrungen mit Twitter haben wir uns schließlich dazu entschieden Mikroblogging als Berichtssystem einzusetzen. Um den Datenschutzaspekten Rechnung zu tragen, wählten wir den Twitter-Klone floopo als Untersuchungswerkzeug aus. Floopo kann nicht nur als geschlossenes System auf unseren Universitätsserver installiert werden, sondern speichert – wiederum im Gegensatz zu Twitter – auch alle Aktvitäten in einer mySQL Datenbank ab. Damit können die SchülerInnen selbst steuern, ob und welchen Inhalt von Meldungen sie bekanntgeben möchten (vgl. Folie 33 und 34). Abgesehen von den allgemein methodischen und technischen Überlegungen und ohne hier in das nicht ganz einfache operative Details des Untersuchungsdesigns einzugehen, ist die von uns gewählte Untersuchungsmethode bezüglich des ANT-Ansatzes in zweifacher Hinsicht interessant:
2. ANT: Das Netbook-Projekt als "Möglichmacher" (enabler)Ein anderer Aspekt des ANT-Ansatzes widerspiegelte sich in einer kritischen Entgegnung, die der Organisator Francesc Pedro auf der New Millenium Learners-Konferenz äußerte. Man könne nicht sagen, so der Einwand, dass Technologie immer eine bestimmte Lerntheorie in sich implementiert hat (vgl. Folien 3 und vor allem Folie 4). Technologie selbst ist neutral, ein Werkzeug, das uns zu etwas befähigt, ein "Enabler" bzw. "Möglichmacher". Dagegen gibt es drei unterschiedliche Einwände:
Es gibt aber noch ein weiteres, drittes Argument - und hier kommt ANT ins Spiel –, das klarlegt, warum die abstrakte Bezeichnung "enabler" problematisch ist. Es ist wichtig nicht bloß das Werkzeug alleine bzw. Mensch und Werkzeug getrennt zu sehen. Im Sinne der ANT ist es gerade die Verknüpfung von Werkzeug-Mensch, von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten, die hybriden Cyborgs wie Latour es auch nennt, die betrachtet werden müssen. Cyborgs: Mensch/Maschine Kombinationen
Ein aktuelles politisches Beispiel das dieser falschen Trennungslogik aufsitzt ist die Debatte ob das Waffenrecht verschärft werden soll. Das Argument, dass gegen eine Einschränkung ist, lautet: "Guns don't kill people, people do!". Aber das umgekehrte Argument gilt genauso: "gun-less killers do not shoot people any more than killer-less guns do; but the fusion of human and non-human can lead to devasting results". (Grint & Woolgar: The machine at work, 1992:156). Im Übrigen untersuchen wir genau aus diesem Grunde die Nutzung der Netbooks (im Unterricht und anderswo). Es ist die noch offene "Assemblage" von Netbooks und SchülerInnen/LehrerInnen, die es gilt zu erforschen. Hat sich erst einmal eine Technologie durchgesetzt und ist soweit zur Routine geworden, dass sie fast als untrennbarer Teil des Menschen (des menschlichen Körpers inklsuive seines Hirns) erscheint, also als bereits als "unbestreitbare Tatsache" auftritt, dann lässt sich der bis zu diesem Stadium vor sich gegangene Prozess der Veränderung (Transformations- bzw. Übersetzungsprozess) den das symbiotische Zwiegespann Mensch-Technologie erfahren hat, kaum mehr erkennen. Inskriptionen untersuchen!Ähnlich wichtig wie der Grundsatz "Den Akteuren folgen!" ist für die ANT-ForscherInnen eine zweite Regel: Inskriptionen suchen und untersuchen! Inskriptionen (oder Einschreibungen) sind alle Arten von Texten (wie z.B. Dokumente, Software) aber auch Handlungen, die in Objekte "eingeschrieben" wurden. So ist z.B. der schwere Schlüsselanhänger des Hotels eine solche Handlungseinschreibung. Er "erinnert" den Hotelgast durch seine großes Gewicht daran, dass der Schlüssel in der Hotelrezeption abzugeben ist. Er hat – übertragen gesprochen – die Handlung des Zurückgebens in seine Gestalt/Ausführung "eingeschrieben" bekommen. Ein anderes Beispiel für eine Inskription wäre der automatische Türschließer, der eine Handlung des Türstehers ersetzt, indem er die Türe automatisch schließt. Dabei ist zu beachten, dass sich sich sowohl unsere Handlung durch die Technologie modifiziert (wie begegnen einer sich automatisch öffnenden Tür anders, z.B. weil wir wissen, dass sie schwerer zu öffnen ist und – falls wir nicht den Raum um die Tür verlassen – uns auch unangenehm in den Rücken stoßen kann), als auch die Technologie einer Bewährungsprobe bzw. Verhandlungsprozess zumindest implizit und indirekt ausgesetzt ist (z.B. Kann die automatische Türschließung mit der "normalen" Tür preislich mithalten? Was ist wenn durch diese Tür auch häufig Kinder, Kranke, Behinderte usw. müssen, also alles Personen die nicht so kräftig sind?). Aus diesem Grunde stellt die ANT die Untersuchung dieser sozio-technischen Mischgebilde in den Vordergrund und nicht etwa die getrennte Untersuchung der menschlichen wie nicht-menschlichen Akteure. Das mag jetzt trivial erscheinen, hat aber wesentliche Konsequenzen auf die Untersuchungsfragen. Statt einer vorgefassten Idee, wie denn die Netbooks in den Unterricht "richtig" eingesetzt werden wollen, sind ANT-ForscherInnen dem Feld gegenüber offener und untersuchen, wie sie tatsächlich benutzt werden. Abgesehen davon, dass damit nicht selten völlig neue Nutzungsmuster entdeckt werden, die vorher von den Technologieproduzenten gar nicht angedacht worden sind, wird damit das Augenmerk auf diesen Prozess der "Übersetzung" (Translation bzw. Veränderung) gelenkt. Das steht beispielsweise im krassen Gegensatz zur berühmten Innovationstheorie von Everett Rogers in Diffusion of Innovations, der von einer statischen Implementierung der Neuerung ausgeht (vgl. dazu auch meinen älteren Artikel zur Einführung von Notebooks, wo ich noch ziemlich genau der Roger'schen Theorie gefolgt bin). 3. Some Lesson Learned
Im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der DUK habe ich am letzten Freitag, den 26. Februar 2010 zum ersten Mal die Actors-Network Theory (ANT) auch unterrichtet. Den dabei entstandenen (leider noch sehr text-lastigen) Foliensatz (
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