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12.10.2007
Nochmals LernstileDidaktische Vielfalt statt Anpassung an LernstilAm Dienstag voriger Woche referierte Sabine Graf im Rahmen unserer Veranstaltungsserie "bt talks" über "Adaptivität in Lernplattfomen – Wie können Lernstile erkannt und berücksichtigt werden?". Siehe ausführlich dazu meine Notiz unter News. Ergänzend möchte ich hier noch einige weitere kritische Anmerkungen zur Lernstildebatte anfügen. Ehrlich gesagt gefällt mir die ganze Philosophie die hinter der Lernstildebatte steht nicht: Sie geht ja nicht nur davon aus, dass es unterschiedliche Lernstile gibt, sondern, dass deren empirische Feststellung und Nutzung mithelfen kann, den Lernerfolg zu verbessern. Lernstile sind theoretische KonstrukteDie Schwierigkeit bei der ersten Prämisse ("Menschen haben unterschiedliche Lernstile.") besteht darin, dass Lernstil natürlich ein theoretisches Konstrukt ist, das – je nachdem was unter Lernen verstanden wird und welche Lernziele verfolgt werden - unterschiedlich zu definiert ist. Die Schwierigkeit einer Operationalisierung zeigt sich meiner Meinung nach schon daran, dass z.B. nicht auf die von Anderson & Krathwohl überarbeitete Bloom'sche Taxonomie [Anderson, L. W. und D. R. Krathwohl, Hg. (2001). A Taxonomy for Learning, Teaching, and Assessing. A Revision of Bloom's Taxonomy of Educational Objectives. New York, Addison-Wesley.] mit ihren 6 unterschiedlichen hierarchischen kognitiven Prozessen Bedacht genommen wird. Je nachdem ob erinnern, verstehen, anwenden, analysieren, bewerten oder erzeugen als Lernziele angenommen werden, ergeben sich je unterschiedliche Bedeutungen von Lernobjekten. Die von Sabine Graf verwendeten Operationalisierungen (häufiges und langes Verweilen bei Beispielen für reflexiven Lernstil bzw. häufiges und langes Verweilen bei Übungen für aktiven Lernstil) müssen im Lichte unterschiedlicher Lernziele differenziert bewertet werden. Das Durchlesen von Beispielen als Muster für die Generierung eigener Lösungen hat einen ganz anderen Charakter als das Durchlesen von Beispielen um sich in die Thematik einzuarbeiten, sie zu erinnern bzw. zu verstehen. Im Suchen bzw. Erfinden eigener Lösungen geht es bei der Betrachtung von Beispielen um konstruktive gedankliche Lösungen (etwa durch Verfremden, Analogiebildung etc.) also um (mentale) Aktionen die durchaus dem Trial & Error, Probieren, Experimentierten etc. von Übungen entsprechen. Didaktische Vielfalt bieten statt auf vermeintlichen Lernstil anpassenDas was mich jedoch am meisten stört, ist die Vorstellung, dass wir den Lernenden ihren Lernprozess erleichtern, wenn wir ihnen das Material angepasst an dem je individuellen Lernstil präsentieren. Diese Vorstellung geht davon aus, dass Lernende das Lernmaterial "präsentiert bekommen", also nicht aktiv ihren eigenen Prozess der Wissenskonstruktion organisieren und steuern können. Wie ich schon mehrfach hingewiesen habe (z.B. zuletzt in [Baumgartner, P. (2007). Didaktische Arrangements und Lerninhalte - Zum Verhältnis von Inhalt und Didaktik im E-Learning. In: Überwindung von Schranken durch E-Learning. Hrsg.: P. Baumgartner und G. Reinmann. Innsbruck-Wien-Bozen, StudienVerlag. 149-176.]), wird immer wieder implizit von einem sehr niedrigen Lernziel (Stufe 1 oder 2: Erinnern oder Verstehen) ausgegangen und dieses niedrige Lernziel automatisch mit "Lernen" ganz allgemein gleichgesetzt. Wohl hat Sabine Graf darauf hingewiesen, dass es ihr um einen kurzfristigen Lernerfolg geht und nur dort die Anpassung an den vorhandenen Lernstil Sinn macht, während bei einer längerfristigen Betrachtung durchaus zu überlegen wäre, ob es nicht gerade eine wichtige didaktische Strategie sein kann, jenen Lernstil zu forcieren, der im Augenblick noch nicht so entwickelt ist. Aber auch diese Bemerkung beruhigt nicht mein Unbehagen, dass wir es uns – sicherlich gut meinend – herausnehmen, die Lernenden zu entmündigen. Meiner Ansicht nach wäre es als strategisches Ziel weit zielführender, wenn wir den Lernenden eine möglichst hohe Anzahl an unterschiedlichen Interaktionsformen (didaktischen Modellen) anbieten, aus denen sie sich selbständig die von ihnen bevorzugten didaktischen Szenarien auswählen können. Das kann dann sowohl eine bewusste Mischung von Modellen sein, denen wir - objektivierend von außen betrachtet - unterschiedliche Lernstile zuordnen. Das kann aber auch eine in unserer Theorie konsistente Wahl von Modellen sein (Heureka!) - oder aber im Spass des Experimentierens auch ein Durcharbeiten des gesamten didaktisch reich variierten Angebots sein. Ich halte Forschungen zur didaktischen Vielfalt – ohnehin eine Vorbedingung um adaptiv für sog. "Lernstile" anbieten zu können – weit vielversprechender als sich mit den vielen Details der recht komplexen Variablenisolierung und Operationalisierung, die die Lernstildebatte prägt, weiter herum zu schlagen. Noch ein Wort zur Methode: Triangulation!In der – wie mir scheint - von Sabine Graf sauber durchgeführten Dissertation wurde mehrmals das in den Sozialwissenschaften bewähte Verfahren der Methodentriangulation (Methodenmix) durchgeführt: So wurde beispielsweise sowohl Fragebogen als auch Tracking als Methode zur Feststellung eines präferierten Lernstils herangezogen. In Zeiten jedoch wo Everything is Miscellaneous (Das neue ausgezeichnete Buch von David Weinberger - ein "Muss-Buch" für Metadaten-Interessierte, Indexer und Social Tagger) scheint mir dies jedoch keineswegs mehr ausreichend zu sein. Was wir selbstverständlich auch brauchen ist Datentriangulation, d.h. ein Mix aus Daten von verschiedenen Quellen. Sich bloß auf eine Untersuchung zu beziehen, legt dem vorhandenen Datenmaterial eine viel zu große Bürde auf. Das mag für das eingeschränkte Ziel einer Falsifzierung vielleicht manchmal reichen, für die Entwicklung von Theorien ist das Verlassen auf eine Daten-Monokultur aber auf keinem Fall ausreichend. Notwendig ist natürlich auch eine Theorietriangulation, die von Sabine Graf durch die Wahl des Felder-Silverman Modells gelöst wurde. Die 4 Dimensionen (aktiv/reflexiv - sinnlich/intuitiv - visuell/verbal und sequentiell/global) sind selbst eine Mischung von verschiedenen theoretische Modellen (David Kolb, Myers Briggs Type Indicator etc.). Tatsächlich hat sich das Felder-Silverman Modell recht weit durchgesetzt. Doch ist zu bedenken, dass sich bestimmte Ideen häufig nicht wegen einer besseren Übereinstimmung mit der Realität sondern wegen ihrer besseren Replikationsmöglichkeit durchsetzen (vgl. dazu Memetics bzw. Meme). Bereits die Studie des Learning and Skills Research Centre von 2005 hat die 71 festgestellten Lernstile auf 13 Modelle reduziert. Empirische Untersuchungen mit einem erweiteren Theorie- bzw. Modellset sind daher mE dringend angebracht. Triangulation der ForscherInnenMit dem Internet ist zum ersten Mal auch in großem Stile eine ForscherInnentriangulation möglich: Durch Blogs, Wikis etc. ist ein Beratungs- und Diskussionsprozess unter Gleichgesinnten möglich. Dadurch wird "Einsamkeiten" bzw. "Elfenbeintürme" von ForscherInnen aufgehoben und sowohl bei der Produktion von Ideen als insbesondere in deren Ausarbeitung das Aushandeln und damit Berücksichtigen von multiplen Standpunkten möglich. Wenn ForscherInnen es wagen ihre Standpunkte bereits während des Forschungsprozesses und damit weit vor der Veröffentlichung zur Diskussion zu stellen, dann vermeiden sie die Gefahr bestimmte Bedingungen übersehen oder sich in einen Irrweg verlaufen zu haben. Ich bin mir bewusst, dass diese Idee seltsam anmuten mag, weil damit ja anscheinend die Gefahr des Diebstahls von Ideen besteht. Doch glaube ich, dass das kooperative (Aus-)Arbeiten an Ideen sich mit einer geeigneten Organisationsform durchführen lässt. Es geht nicht darum, dass die Idee selbst im Nirwana der kooperativen Aktivitäten der Community verschwindet, sondern, dass kollaborativ an der praktischen Umsetzung der Ideen – und damit an ihrer Verifizierung gearbeitet wird. Als Beispiel der ForscherInnentriangulation mag vielleicht die Idee von Lawrence Lessing dienen, der sich nach 10 jähriger Beschäftigung zu Copyrightfragen (siehe sein Blog) sich nun die nächsten 10 Jahre der Antikorruptionsarbeit (siehe Beitrag mit Video) widmen will. Die Idee, d.h. seine (!) Idee dabei ist es jedoch nicht die offensichtliche Bestechung aufzudecken (also z.B. Kongressabgeordneter X erhält 50.000 US$ und stimmt für ein bestimmtes Gesetz), sondern wo die Korruption durch eine subtile Antizipation eines - vielleicht auch nur indirekten – ökonomischen oder anderes gearteten Vorteiles stattfindet. Lessig hat dazu ein Anti-Korruptionswiki eingerichtet, wo er zu einer gemeinsamen Exploration dieser (seiner) Idee einladet. Eine Fundgrube für weitere Beispiele, wie durch massenhafte Zusammenarbeit im Internet gemeinsam Vorteile erzielt werden können, finden sich in Wikinomics - How Mass Collaboration Changes Everything. Selbst in patentrechtlichen heiklen Situationen oder dort wo schärfste Konkurrenz unter Firmen um heiß umkämpfte Marktanteile herrscht kann die gemeinsame Produktion von Ideen (nach einem Begriff von Yochai Benkler auch Peer Production genannt) Win-Win Situationen erzeugen. Ich bin überzeugt davon, dass diese relativ neue Tendenz auch in den Wissenschaften Fuss fassen wird und sich in einer radikalen Veränderung des Arbeitsstils von ForscherInnen niederschlagen wird. Erste Andeutungen dazu finden sich sowohl in den obigen Links wo Websites wi Wikinomics nicht nur zur (nachträglichen) Diskussion von Büchern einladen, sondern gemeinsam am nächsten Band (The Wikonomics Playbook) gearbeitet wird. Auch im Buch von Michael Nentwich (Cyberscience: Research in the Age of the Internet) werden nicht nur die Konsequenzen von Cyberscience angesprochen sondern durch eine aktualisierte und durch Zusammenarbeit erweitere Linkdatenbank zur IKT-Nutzung im akademischen Bereich auch exemplarisch umgesetzt. PS.: Ist – überraschend für mich selbst – ein langer Beitrag geworden. Eine endlich auskurierte Magen-Darmgrippe in Verbindung mit einem abgesagten Rerferatstermin im Ausland hat mich endlich mal dazu geführt, Gedanken, die ich schon länger hatte, mal zusammen zu schreiben. Muss ich öfter machen – nicht das mit der Grippe, sondern das mit wenigeren Terminen ;-)
13.10.2007
Privat-Universitäten in ÖsterreichIm Zusammenhang mit der geplanten Neugründung einer privaten medizinischen Universität in Krems und der damit einhergehenden Neupositionierung der Donau-Universität Krems habe ich mir mal einen Überblick zu den österreichischen Privat-Universitäten verschafft. Ich wollte mal einen Eindruck über Studienangebot, Anzahl der Studierenden und Preise bekommen. In Österreich können seit dem Jahr 1999 Privat-Universitäten gegründet werden. Das diesbezügliche Bundesgesetz über die Akkreditierung von Bildungseinrichtungen als Privatuniversitäten (Universitäts-Akkreditierungsgesetz - UniAkkG), BGBl I Nr. 168/1999, in der Fassung BGBl I Nr. 54/2000 stellt die gesetzliche Basis dar. Vor allem wollte ich auch mal prüfen, ob der Sektor der Privat-Universitäten für meine Lehrgänge eine Konkurrenz darstellen. Das ist nicht der Fall: Die Privat-Universitäten sind zwar auch in der berufsbegleitenden Weiterbildung tätig, doch nehmen Sie von ihrer Studierendenzahl als auch von ihren Studienangeboten bloß eine Nischenfunktion ein. Es gibt derzeit 11 vom Österreichischen Akkreditierungsrat zugelassene Privat-Universitäten in Österreich. Sie sind relativ klein (bisher etwa 3.600 Studierende, für ds Studienjahr 2007/2008 wird eine Erhöhung auf 4.000 prognostiziert) und auf Spezialgebiete wie Medizin, Design & Kunst, Theologie sowie Business Administration fokussiert. All diese Themen tangieren meine Arbeit kaum. Generell habe ich den Eindruck, dass Forschung – mit Ausnahme der medizinischen Privat-Unis - kaum vorkommt. Die Qualifikation des internen Staffs lässt meiner Meinung nach – mit ein paar Ausnahmen des "Einkaufs" von einigen (nebenberuflich tätigen?) Univ-Profs die sich wahrscheinlich ein "Zubrot" zu ihrem Hauptjob an öffentlichen Universitäten verdienen, lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Es gibt - mit den erwähnten Ausnahmen - keine Habilitieren und selbst promovierter Staff ist relativ selten. (Für Nicht-Österreicher: Manchmal findet sich der Titel "Prof.", damit werden aber SchullehrerInnen in Österreich bezeichnet, es müsste "Univ.-Prof." heißen.) Wie gesagt: Bei diesem ersten Internet-Rundgang nahmen die medizinischen Universitäten (PMU Salzburg und UMIT Hall) vor allem schon wegen deren relativen Größe eine Sonderstellung ein. Ganz besonders interessant für mich war aber auch die Sigmund Freund Privat-Universität (SFU): Sowohl von der Forschungsausrichtung (human- und sozialwissenschaftlicher Fokus statt der üblichen naturwissenschaftlich bzw. medizin-technischen Ausrichtung) als auch vom kürzlich eingerichteten Doktoratsstudium. Vielleicht kann die SFU als sehr kleine Universität (rund 300 Studierende) hier der DUK – die derzeit über kein Promotionsrecht verfügt - eine Vorbildrolle sein? Offizielle Kurzpräsentationen finden sich auf der Seite der Rektorenkonferenz der österreichischen Privat-Universitäten. Eine gute Zusammenfassung gibt auch ein Standard-Artikel vom 24. April 2007, der vor allem (endlich!) auch die Anzahl der Studierenden je Privat-Universität auflistet. (Inzwischen gibt es jedoch mit der MODUL University Vienna, die im Herbst mit etwa 100 Studierenden starten wird, siehe auch Standardartikel). Über ihre Rektorenkonferenz wollen sich die Privat-Universitäten in der post-gradualen Ausbildung im Verhältnis zu den öffentlichen Universitäten besser positionieren. Sie verlangen "Chancengleichheit" in zweierlei Hinsicht (siehe dazu auch einen Standard-Artikel):
27.10.2007
Lesemarathon für 3 DissertationenDie letzten 14 Tage war ich wieder einmal völlig im Stress. Diesmal war es aber nicht durch Termine, Referate etc. verursacht, sondern --- durch Lesen. Ich wusste gar nicht, dass auch bloßes Lesen Adrenalin in großen Mengen produzieren kann: ;-) Gleich 3(!) Dissertationen wurde praktisch zur selben Zeit fertig und mussten wegen knapper Deadlines gelesen und begutachtet werden. Schon ein eigenartiger Zufall: Meistens tut sich Monate lang in dieser Hinsicht gar nichts, 1-2 Dissertationen pro Jahr ist bisher mein üblicher Schnitt gewesen. Der Stress hat sich aber ausgezahlt. Alle drei Dissertationen hatten einen starken Bezug zu meinen eigenen Forschungsthemen und brachten mir selbst sehr viele Anregungen:
28.10.2007
Winterzeit - (K)eine Stunde gewonnenoder: Wie elektronische Apparaturen uns die Zeit stehlenHeute wurde uns (angeblich) wieder eine Stunde geschenkt. Früher habe ich mich über den Tag von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit sehr gefreut: Eine Stunde länger schlafen! In den letzten Jahren hat sich meine Freude allerdings in zunehmenden Maße in Ärger verwandelt. Das hängt aber nicht mit meiner "senilen Bettflucht" zusammen, die mich sowieso mit zunehmenden Alter immer früh(er) aufwachen lässt. [Meine MitarbeiterInnen können davon ein Lied singen, wenn sie bereits am Morgen, wenn Sie den Computer einschalten mit Mails von mir überflutet werden.] Nein, es sind gerade die "Segnungen" unserer technologisch geprägten Zivilisation, die uns diese (scheinbar gewonnen) Stunde wieder stiehlt. Oder müssen Sie nicht durch die Wohnung rasen und alle Uhren nachstellen? Na gut, es gibt ja bereits Funkuhren und auch die Uhren der Computer werden alle automatisch nachgebessert. Aber was ist mit anderen elektronischen Büroutensilien im Haushalt: Handys, Digitalkameras, Videorekorder, Faxgeräte etc.? Überall wollen wir entweder die Zeit der Transaktion anderen mitteilen oder zu einer bestimmten Zeit irgendeine Aktion automatisch ausführen lassen. Aber das ist nicht alles: Da gibt es bei mir auch noch Backrohre, Mikrowellenherde und andere elektronische Gadgets, die nachgestellt werden wollen. Die haben ja alle bereits Uhren, damit sie entsprechend programmiert werden können. Nicht zu vergessen die Temperaturregelung der Heizung und der Warmwasserboiler. Da ist es mit einer einfachen spontanen Nachjustierung nicht getan. Da beginnt dann das hektische Suchen nach der Betriebsanleitung. Ist die erst einmal gefunden, konzentriert sich die Suche nach der richtigen Stelle auf der richtigen Seite (möglichst wenn es geht auch in der richtigen Sprache, mein Russisch ist zur Zeit ein wenig eingerostet). Glücklicherweise steht ja meistens gleich zu Beginn "Tipps zur Inbetriebnahme": "Wenn Sie das Gerät das erste Mal anschließen, blinkt die Anzeige der Uhrzeit." Tut sie bei mir nicht, weil ich blöderweise das Gerät ja bereits schon im Betrieb habe. Soll ich den Hauptschalter für den Strom kurz auf "Aus" kippen oder mich eher auf die Suche in die Innereien der Betriebsanleitung begeben? Ich entscheide mich für die zweite Variante - ich weiß ja nicht, welche Probleme dann vielleicht erst recht auftauchen. Möglicherweise braucht die Gasetagenheizung eine besondere Anlaufprozedur oder ähnliches... Wenn ich dann endlich mit dieser eigenartigen morgendlichen Sonntagsbeschäftigung fertig ist, ist auch die (scheinbar gewonnene) Stunde verstrichen. Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass auch im weiteren Laufe des Jahres immer wieder irgendwelche Gadgets mit der falschen Zeit auftauchen. Da gibt es ja noch die Zweituhr, Taschenrechner in verschiedenen Schubladen, die Pulsmessuhr, die Wetterstation am Balkon usw. usf.
Von der Ordnung ungeordneter InformationenOder: Wie gemeinschaftliches Indexieren die Welt unterschiedlich interpretiertEin wichtiger Punkt der Argumentation in Weinbergers Buch Everything Is Miscellaneous ist es, die wesentlichen Unterschiede zwischen physikalischen Objekten (also der Welt der Atome und Moleküle) und digitalisierten Objekten (also die Welt der Bits und Bytes) deutlich zu machen. Das nachfolgende Beispiel des Supermarkts, bzw. des Bücherregals kann dazu vielleicht eine erste Annäherung bieten: Die Welt der Atome und MoleküleIm Supermarkt (also der "körperlichen" Welt) beanspruchen physische Objekte einen Platzbedarf, nehmen Raum ein. Daraus ergeben sich eine Reihe von weitreichenden Konsequenzen.
Die Welt der Bits und BytesAber alle diese Eigenschaften physischer Objekte gelten in der digitalen Welt nicht mehr. Die Welt der digitalen Informationen muss nicht mehr von ExpertInnen in sorgsam vordefinierten Schachteln vorsortiert werden. Projekte wie die von Menschen sortieren Informationslinks von Yahoo oder DMOZ haben sich überlebt. Mit modernen Suchmaschinen wie Google finde ich Informationen nach all jenen Kriterien auf, die mir relevant erscheinen. Es ist mir dabei vollkommen egal wo die Bits dabei physisch aktuell liegen (auf welchen Server, auf welcher Rille der Festplatte). Obwohl diese neue Eigenschaft digitalisierter Information und allen intuitiv klar ist, sind wir trotzdem noch unserem alten Mindset verhaftet: Auch ich suche meine Dateien häufig immer noch indem ich mein selbst angelegtes hierarchisches Filesystem durchlaufe, statt auf meinem Rechner über Spotlight mit einem inhaltlichen Ausdruck die Datei direkt zu suchen. Als ich neulich davon las, dass die Washington Post schon vor Jahren darüber berichtete, dass die Telefongesellschaften als Internetprovider den Zugang zum Internet priorisieren wollen, habe ich zuerst (erfolglos) versucht den Artikel in den Archiven der Washington Post zu finden. Als ich dann einfach das ganze Zitat in Anführungszeichen in Google eingab, habe ich die Beitrag sofort gefunden. Digitalisierte Information verhält sich eben ganz anders als wir es noch von physikalischen Objekten gewohnt sind:
Zeiten ändern sichMit einem Wesch-Video, der diese Veränderungen zu charakterisieren versuchtEs gab einmal eine Zeit, wo der Informationsfluss bezüglich Internet in unserer Familie eine Einbahnstraße war: Von mir zu meiner Frau. Nun, das hat sich inzwischen grundsätzlich geändert. Meine Frau führt nicht nur ihr eigenes Weblog Softskills, aus dem ich immer wieder Anregungen bekomme, sondern weist mich auch extra immer wieder auf interessante Sachen hin. So habe ich beispielsweise den Hinweis auf den Video von Michael Wesch zum Web 2.0 The machine is us/ing us, den ich inzwischen selbst in mein Weblog aufgenommen habe und auch bei Vorträgen immer wieder vorzeige, von ihr bekommen. Referenzieren der Hinweise?Eigentlich müssten nicht nur die AutorInnen zitiert werden, sondern auch jene Personen, denen wir die Hinweise zu diesen persönlich wichtigen Ressourcen verdanken. Im Internet wird dies durch Funktionen von Social Software durchaus ja gemacht; im normalen f2f-Alltag ist das noch selten der Fall. Beim Zitieren wissenschaftlicher Arbeiten würde es uns derzeit wohl überhaupt komisch vorkommen, obwohl es sicherlich interessant und auch für das Verständnis des Erkenntnisganges wichtig wäre. Es fehlen uns dazu aber noch die entsprechenden Werkzeuge. Pull statt PushprinzipViele Hinweise meiner Frau bekomme ich über Mail. Das ist vielleicht ein wenig absurd, weil Ingrid in Hörweite im Nebenzimmer sitzt. Manchmal würde da auch ein Schreien genügen, aber eine URL ist wohl verbal nicht besonders
gut kommunizierbar. Außerdem wollen wir als anständige Internetbürger unsere Infos ja nicht aufdrängen, sondern jeder soll sich selbständig entscheiden, wann er/sie die Information braucht und holen will (pull statt push). Konsequent weiter gedacht wäre dann aber eigentlich auch dieser Mailverkehr einzustellen und wir müssten ein Familienwiki oder ähnliches anlegen. Veränderungen, die langsam - quasi schleichend - in der unmittelbaren Umgebung vor sich gehen, sind häufig nicht wahrnehmbar. Als meine Frau mit dann aber ihr Weblog gezeigt hat an dem sie - still und heimlich schon Wochen gearbeitet hat- war ich aber dann doch extrem beeindruckt. Abgesehen davon, dass es künstlerisch viel besser gestaltet ist als meines - das ich vom Design und vor allem vom Banner her langsam satt habe - ladet es mit den vielen Links zum Stöbern ein. Ein Beispiel ist ihre Blogroll, die auf sehr viele gute Blogs hinweist. [Ich bin schon neugierig wenn der Link auf mein eigenes Weblog - natürlich aus Platzgründen ;-) - verschwinden wird.] Lesekultur und Studierverhalten verändern sichDa ist mein eigenes Blog weit mehr auf mich konzentriert. Ich verwende es überwiegend um meine eigenen Gedanken auszuformulieren und zu strukturieren. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich die Zeit hernehmen sollte, all diese vielen anderen Infos zu lesen und zu verarbeiten. Bisher habe ich es nicht zu einer systematischen Integration des Lesen der mich interessierenden RSS-Feeds in meinem Arbeitsablauf gebracht. Aber irgendwie muss ich dies vielleicht mal versuchen. Es scheint mir, dass das Lesen von (Fach-)büchern immer absonderlicher wird. Abgesehen davon, dass ein konzentiertes längerfristiges Arbeiten nur in der Abtrennung von allen Kommunikationskanälen möglich ist (nicht in die Mail schauen, Notifikationssysteme ausschalten, Skype Onlinestatus auf unsichtbar stellen etc.) hat sich das Lesen von Büchern – zumindest in meinem Fachgebiet – grundlegend geändert. Das Lesen des Buches ist nicht mehr ein sich selbst genügender Zweck sondern stellt den Beginn einer umfangreichen Internetrecherche dar. Das Lesen von Wikinomics, ein übrigens sehr empfehlenswertes Buch, zu dem ich sicherlich noch auf diesen Seiten etwas sagen werde, hat mir das deutlich gemacht. Das Buch war eigentlich nur parallel mit einem eingeschalteten Rechner, auf den ich die Argumentation nach verfolgt und überprüft habe, zu lesen. Ein ständiges Springen vom Buch zum Internetbrowser war die Folge. Da ich Bücher nicht gerne auf meinem Schreibtisch vor dem Bildschirm - nachdem ich die Tastatur weg geschoben habe - lese, sondern mir dazu bequemere Plätze aussuche (Couch, Schaukelstuhl, Bett), war es angenehm einen Laptop mit Wireless LAN in der Wohnung zu haben. Ohne diesen ständigen Wechsel Lesen-Internetrecherche-Lesen wäre das Buch bei weitem nicht so informativ und wertvoll für mich geworden. Über 50 neue Links habe ich dabei geFURLed. Ein weiterer Wesch-Video A Vision of Students Today versucht diese Veränderung des Studierverhaltens deutlich zu machen. Wenn Ihnen die englischen Texteinblendungen zu schnell gehen, es gibt ein Transkript des Films.
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Inzwischen habe ich bereits weitere Uhren umstellen müssen: Die Uhr im Büro und natürlich - ganz wichtig - die Autouhr.