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Musteransatz
Eine Ebene höher
Beiträge, die sich mit dem Musteransatz von Christopher Alexander beschäftigen: Können die Entwurfsmuster (Design Pattern) aus der Architektur in die Pädaogigk übertragen werden? Gibt es so etwas wie didaktische Entwurfsmuster? Wenn ja: wie sehen sie aus, was sind ihre Strukturmerkmale?
08.03.2009
Reflexionen zu einem internationalen Pattern Workshop
Auch wenn ich im Nachrichtenteil meiner Website ein wenig gemosert habe, hat mich der Pattern Workshop in Tübingen durchaus angesprochen. Das geschah zwar mehr auf der informellen und metatheoretischen als auf der inhaltlichen Ebene; aber letztlich ist es ja auch egal, wodurch eine Motivation ausgelöst wird.
Die Teilnahme war auch eine gewissen Premiere in meinen Verhaltens"mustern": Sie war eine der ersten Veranstaltungen, die ich mir selbst im Rahmen der Forschungsinitiative gegönnt habe. Einmal nicht bloß zu einem Vortrag zu hirschen, um dann aus Zeitgründen wieder gleich abzureisen…
Ich fuhr von Hannover – wo ich auf dem E-Learning Forum der CeBit genau dieses machte (hinfahren, vortragen, weiterreisen) – nach Tübingen und nahm alle 3 Tage - vom Anfang bis zum Ende und ohne Unterbrechung! – am Workshop teil. Bei den meisten Veranstaltungen führe ich außerhalb der Vortragsräume zwar wichtige Gespräche, versäume aber dadurch die inhaltliche Seite der Konferenz.
Einige Highlights
Yishay Mor
Neben Christian Kohls, der der planende Kopf hinter dieser Veranstaltung war, war es vor allem Yishay Mor, der dem Pattern Workshop seinen Stempel aufdrückte: Er erzählte nicht nur von seinen reichhaltigen Erfahrungen als Moderator für Pattern Mining in verschiedenen Fachgebieten sondern moderierte auch wesentliche Teile der interaktiven Sessions. Seine Vorträge finden sich auf http://www.slideshare.net/yish/. Das waren insbesondere Pattern for Building Pattern Communities und Formative E-Assessment: case stories, design pattern und future scenarios.
Weitere wichtige Ressourcen sind: Der Pattern Language Network Website (Planet) und das dazu gehörige Pattern Language Network Wiki, insbesondere die dort aufgeführten Design Pattern.
Sven Wippermann
hielt einen der ganz wenigen Vorträge, die sich mit didaktischen Entwurfsmustern generell beschäftigten. Ich bin dabei mir seine Dissertation Didaktische Design Pattern zu beschaffen.
Beat Döbeli Honegger und Michele Notari
stellen einen interessanten Notationsansatz für didaktische Szenarien vor. Einige Teilnehmer/-innen kritisierten, dass diese Didactic Process Maps (DPM) nichts mit dem eigentlichen Pattern Ansatz zu tun haben. Das ist aus meiner Sicht ein unberechtigter Einwand.
Exkurs: Notationssystem
Ich sehe nämlich als eine ganz zentrale Aufgabe der didaktischen Entwurfsmuster auch darin, ein Notationssystem zu entwickeln mit dem sich pädagogische Experten über inhaltliche Details ihrer didaktischen Modelle austauschen können. (Vgl. dazu auch die Arbeiten von Donald Schön, insbesondere seine beiden Bücher The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action und Educating the Reflective Practitioner: Toward a New Design for Teaching and Learning.) – Hier übrigens schließt sich für mich der Kreis zum Begriff des impliziten Wissen von Michael Polanyi – einem meiner anderen inhaltlichen Forschungsschwerpunkte.
Ich verwende ausdrücklich den Begriff der Notation, weil ich den Ausdruck Sprache, wie er von Alexander aus seiner Pattern Language stammt, für überzogen und unpassend halte. Darunter wird in der Pattern Community ein System von auf einander bezogener Muster von Sub- und Superpattern verstanden. Der Begriff "Sprache" hat jedoch eine ganz andere Bedeutung und verlangt z.B. eine "darunter liegende" Grammatik. (Vgl. dazu die Arbeiten von Nelson Goodman, insbesondere Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie und Weisen der Welterzeugung und von Susanne Langer insbesondere Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst und das leider schwer zugänglich dreibändige Mind. An Essay on Human Feeling, aber auch Hilary Putnams Repräsentation und Realität.)
– Ich bedaure es übrigens sehr, dass über die mich hier sehr interessierenden erkenntnistheoretischen Fragestellungen – die sich unter anderem in den Literaturhinweisen der obigen beiden Absätze wieder finden – in der Pattern Community keine Diskussion stattfindet. Damit wird aus meiner Sicht die wichtige epistemologische Begründung für den Musteransatz auf eine praxeologische Sichtweise (Anwendung von Mustern als eine Art Verhaltenspraxis) eingeschränkt.
Weitere Highlights
Helen Sharp
Helen Sharp berichtete über die Motivation, Ergebnisse und Erfahrungen aus dem berühmten aber leider niemals finanzierten, d.h. auf freiwilliger Basis entstandenen und derzeit leider nicht mehr aktiven Pedagogical Pattern Project.
Christian Kohls
versuchte mit einer ganzen Reihe von Metaphern die Idee der Design Pattern dem Publikum näher zu bringen. Einige der (Pattern-Newbie)Teilnehmer/-innen hatten erfreuliche Aha-Erlebnisse, andere fortgeschrittene Informatiker/-innen führten eine intensive Diskussion inwieweit diese Metapher auch durchgängig halten und zutreffend sind.
Auf jeden Fall ist Christian Kohls eine der ersten Adressen im deutschsprachigen Raum zum Pattern Ansatz. Eine sehr gute – durch ihn inspirierte – Einführung findet sich als Special auf dem Portal e-teaching.org, wo es auch eine Sammlung von Entwurfsmustern gibt. Eine von ihm für mich persönlich zusammengestellte Literaturliste habe ich in WorldCat angelegt.
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Warum ich mit vielen pädagogischen Entwurfsmustern mein Bauchweh habe
Auf dem Pattern-Workshop in Tübingen habe ich mehrmals erwähnt, dass mich die bisher bekannten didaktischen Entwurfsmuster nicht überzeugt haben. Es ist wohl jetzt - wo ich mich eingehender damit beschäftige – angebraucht, diese sehr allgemein vorgebrachte Kritik zu begründen. Das ist gar nicht so einfach, weil das bisher eine Art oberflächliches "Bauchgefühl" war bzw. ist und eine rationale Begründung tiefer fassen und vor allem analytischer vorgehen muss.
Pädagogische Entwurfsmuster - Erste Generation
Für eine detailliertere Analyse muss ich zuerst einmal jene Muster benennen, auf die ich mich beziehe. Es waren vor allem jene Beispiele, die ich vor einigen Jahren – als ich Hagen erstmals mit dem Pattern Ansatz in Berührung kam – kennen lernte. Sie finden sich als Example Patterns auf pedagogicalpattern.org. Dazu möchte ich auch noch die vorläufigen Patterns for the Doctoral Student von Joseph Bergin rechnen, die ein besonders gutes Beispiel für meine Kritik darstellen.
Kennzeichnend für diese Pattern ist:
- Sie wurden von Nicht-PädagogInnen (meistens InformatikerInnen) geschrieben.
- Sie gründen sich auf eigene Lehrerfahrungen, die aber theoretisch kaum reflektiert werden. Das gesamte Pool an jahrzehntelang erworbenem didaktischem Know How bleibt völlig unberührt.
Bloß Trivialitäten und Binsenweisheiten?
Eine Illustration für diese beiden Kennzeichen stellt z.B. das Pattern "Open the door" aus Learning to Teach and Learning to Learn – Running a Course ( , 45 kB) von Jutta Eckstein dar. Es werden darin einige – unsystematische – Überlegungen angestellt, wie eine Kurs begonnen werden kann. Nun gibt dazu ganze Bücher, die sich diesem Thema widmen (z.B. Anfangssituationen - Was man besser tun und lassen sollte von Karlheinz Geißler). Was ist also der Mehrwert eines solchen Patterns? Wird damit nicht bloß die naive (d.h. wenig reflektierte und nicht theoretisch fundierte) Erkenntnis eines pädagogischen Anfängers wider gegeben?
Andere Beispiele – die infolge ihrer Trivialität schon fast peinlich sind – finden sich in den Patterns for the Doctoral Student. Da werden Binsenweisheiten, die als tiefgründige Lebensweisheiten maskiert werden, angeführt, wie
- Suche bei verschiedenen Doktoratsprogrammen an
- Wähle das höchst qualifizierteste - das bereit ist Dich aufnehmen - aus
- Sei leidenschaftlich und vermeide Burnout
- Vermeide Komplikationen in Deinem (Alltags-)leben
- Erkundige Dich über die Anforderungen im Doktoratsprogramm
- usw. usf.
Oder steckt da mehr dahinter?
Nun könnte man natürlich der Auffassung sein, dass eine solche Zusammenstellung von Tipps für AnfängerInnen durchaus praktisch sind. Warum stellt man sie dann aber nicht als Tipps z.B. in Form einer Checkliste zusammen? Warum greift man zum aufwendigen Patternformat, dem berühmten Dreischritt: Kontext, Problem bzw. Kräfte und Lösung? Ist das nicht ein Overkill, eine Vernebelungstaktik um Trivialitäten an den Mann bzw. Frau zu bringen?
Aus meiner Sicht stimmt diese harsche Kritik – zumindest soweit es diese erste Generation an pädagogischen Entwurfsmuster entspricht. Ich glaube jedoch (heute), dass es sich nur um schlechte Beispiele für die Umsetzung des Pattern Ansatzes im pädagogisch-didaktischen Bereich handelt und nicht um das Versagen des Ansatzes selbst. Das wird deutlich, wenn wir uns neuere Beispiele – die ich als didaktische Entwurfsmuster der zweiten Generation bezeichne – anschauen.
Pädagogische Entwurfsmuster - zweite Generation
Darunter fasse ich neue Arbeiten, wie sie beispielsweise unter Current Work auf pedagogicalpattern.org angeführt sind. Ich zähle dazu auch die unter e-teaching.org angeführten Muster wie z.B. Online Schulung und die Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten von Axel Schmolitzky und Till Schümmer, vor allem aber die Websites Wikipatterns und A Social Software Pattern Language.
Die angeführten Pattern-Beiträge wie z.B. Feedback Patterns ( , 581 kB), Patterns for Active Learning ( , 530 kB) usw. sind ebenfalls von Nicht-PädagogInnen geschrieben und gründen sich auf eigene - wenig theoretisch reflektierte – Lehrerfahrungen wie die Muster der ersten Genereration. Trotzdem unterscheiden sich aus meiner Sicht in zweifacher Hinsicht von den Entwurfsmustern der ersten Generation:
- Sie sind um ein gemeinsames Thema zentriert (z.B. Feedback, Lernaktivierung) und explorieren es aus verschiedenen Gesichtspunkten mit unterschiedlichen Methoden.
- Sie sind nicht mehr ganz so naiv, beschränken sich nicht mehr auf bloße einfache Binsenweisheiten sondern haben durchaus einen gewissen Komplexitätsgrad erreicht.
QWAN - als emergente Eigenschaft
Nach wie vor sind es nicht die einzelnen Muster selbst, die mich überzeugen, sondern es ist die konzentrierte Zusammenstellung inklusive der in den jeweiligen Pattern erwähnten Querbezüge zu anderen ähnlichen, alternativen, vorausgesetzten, unter anderen Bedingungen einsetzbaren etc. etc. Mustern. Es ist aber weniger dieses Netzwerk aus Beziehungen, das gerne als Mustersprache bezeichnet wird, das mich überzeugt, sondern das damit intuitiv und emergent entstehende mentale Bild.
Ermergenz ist ein neues Phänomen (Eigenschaft, Attribut) das auf der Makroebene entsteht. Es gründet sich zwar auf die Eigenschaften von Elementen auf der unteren Ebene (Mikroebene), ist jedoch eine neue Erscheinung, die in keinen ihrer Bestandteile enthalten ist. Es ist die besondere Organisationsform, das Beziehungsmuster, das diese neue Phänomen generiert. So hat Wasser die Eigentschaft flüssig zu sein, eine Eigenschaft, die keinem seiner einzelnen Bestandteile (H und O) zugeschrieben werden kann. So kann kein einzelnes H2O Molekül herausgenommen werden und ihm die Eigenschaft "flüssig" zugesprochen werden.
Diese emergente Eigenschaft nennt Christopher Alexander in The Timeless Way of Building the Quality Without a Name (QWAN). Es ist eine Systemeigenschaft auf der Metaebene, eine intuitive Praxis oder "Way of Teaching", der sich auf implizites Wissen (Michael Ponayi) stützt und sich nicht durch Worte erschließt oder mitgeteilt werden kann.
Pädagogische Entwurfsmustern - auf dem Weg zur dritten Generation
Ich habe gesagt, dass mich die einzelnen didaktischen Entwurfsmuster der zweiten Generation – jedes für sich und einzeln betrachtet – noch immer nicht ganz überzeugen. Was ist an ihnen auszusetzen? Oder umgekehrt gefragt: Was sind die Eigenschaften, die mich zufrieden stellen würden?
Ich ziehe als Beispiel für die nachfolgende Erklärung die besser geschriebene englische Originalversion der Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten Patterns for Supervising Thesis Projects ( , 204 kB) heran. Die darin versammelten Entwurfsmuster sind nicht trivial und machen durchaus Sinn. Allerdings beziehen sie sich alle auf den der wissenschaftlichen Arbeit äußerlichen Prozess "Beziehungsstruktur". Dementsprechend sind die einzelnen Muster für sich als klar umrissene, mehr oder weniger eindeutig zu beschreibende Verhaltenshinweise zu beschreiben.
Ich stelle mir jedoch als ein individuelles Entwurfsmuster der dritten Generation eine Präsentation von impliziten Erfahrungswissen vor, d.h. eine Art von QWAN entsteht nicht erst durch ein mentales Modell beim Durchlesen und Erfassen der Beziehungsmuster ("Pattern Language"), sondern ist schon im jeweiligen Muster enthalten.
Damit will ich nicht sagen, dass die Summe des impliziten Wissen der unteren Ebene (der einzelnen Muster) automatisch die QWAN auf der Makroebene bildet. Das implizite Wissen der höheren Ebene, der Musterstruktur oder "Pattern Language" hat eine eigene, eine neue und ganz andere Qualität. Das individuelle Muster ist in den Begrifflichkeiten von Michael Polanyi eine Art proximaler Term, der den Musterstruktur (den distalen Term) aufschließt. Die Bedeutung beider Ebenen (untere wie obere Ebene) sind Triaden, die durch eine implizite Integration erschlossen werden müssen:

But to integrate a thing B into bearing on some C amounts to endowing B with a meaning that points at C ... It is our subsidiary awareness of a thing that endows it with meaning: with a meaning that bears on an object of which we are focally aware. A meaningful relation of a subsidiary to a focal is formed by the action of a person who integrates one to the other, and the relation persists by the fact that the person keeps up this integration. (Knowing and Being , S. 181f.)
Zitiert aus meiner Habilitationsschrift: Der Hintergrund des Wissens, S. 180
Ich habe selbst keine ausformulierten Beispiele für Pädagogische Entwurfsmuster der von mir antizipierten dritten Generation zur Hand. Trotzdem möchte ich einige Überlegungen aus meinem Erfahrungsbereich beim Betreuen von Dissertationen anführen, die vielleicht als Illustration meiner Gedanken hilfreich sind. Die Idee dabei ist, dass jedes einzelne Muster selbst implizites Wissen transportiert, jedes Entwurfsmuster bereits eine QWAN enthaltet:
- QWAN einer forschungsleitenden Fragestellung: Wie wird aus einem Thema eine "gute" (machbare, interessante, neue etc.) forschungsleitende Fragestellung?
- QWAN der zugrunde liegenden Literatur: Wann ist die Literatursuche abgeschlossen? Welche Literatur soll/muss wie integriert/verarbeitet werden?
- QWAN des Zitierens: Wann soll welcher Teil einer Literaturstelle wie (wörtlich oder paraphrasieren) zitiert werden?
Es ist durchaus möglich, dass die obigen Beispiele selbst bereits eine Sammlung von Mustern darstellen. Die Idee hinter diesen QWANs ist es, dass Forschen eine trainierbare Fertigkeit darstellt, eine – allerdings nicht bloß durch Worte – vermittelbare bzw. auszubildende Kompetenz darstellt. Generelle Überlegungen habe ich dazu im Abschlusskapitel des Buches Studieren und Forschen mit dem Internet zusammengestellt und auch als eigenen Artikel publiziert, den ich – quasi als Abschluss dieser Überlegungen - als Attachment "stufonet.pdf" diesem Beitrag beilege
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11.03.2009
Kommentar von Christian Kohls
Christian Kohls hat eine sehr lange Rückmeldung in meinem Weblog vorgenommen. Weil sie wichtig ist und auch einige Links enthält, die im Kommentar nicht direkt angesteuert werden können, habe ich - mit seinem Einverständnis – seine Anmerkungen als eigenen Weblog-Artikel hier eingefügt. Die Gliederung, Zwischenüberschriften und Formatierungen stammen von mir (pb).
Christian Kohls zu Entwurfmustern
Ich denke, unser wichtigstes Ziel des Workshops, nämlich eine Diskussion über den Entwurfsmuster-Ansatz zu starten und kritische Fragen herauszustellen, haben wir erreicht. Dies zeigen die drei Beiträge auf dieser Webseite, über die ich mich sehr gefreut habe. Im wesentlichen stimme ich mit vielen der hier und den beiden anderen Artikeln genannten Kritikpunkte überein. Insbesondere fällt auf, dass die theoretischen Hintergründe oft aus dem Blick geraten – dies liegt sicherlich am Wesen der Pattern Community, die sich traditionell eher der Praxis als der Theorie verbunden fühlt.
Entwurfsmuster an der Schnittstelle von Theorie und Praxis
Ich selbst sehe dagegen in Entwurfsmustern gerade die Schnittstelle zwischen beidem: Das Herausarbeiten von Regelmäßigkeiten auf einer abstrahierten Ebene ist ein Schritt in Richtung Theoriebildung. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Patterns nichts anderes als theoretische Abhandlungen über den Gegenstand an sich sind. Da in diesem Fall der Gegenstand stets das praxisrelevante Handeln und Gestalten ist, wird in der Pattern Community oft betont, dass es sich um praktisches und nicht um theoretisches Wissen handelt.
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern verstehe die in Mustern zusammengefassten Hypothesen (Muster behandeln immer multikausale Zusammenhänge) eher als Theorien der Praxis. Als solche müssen sie konkret genug sein in dem Sinne, dass sie einen Plan für die Realisierung der beschriebenen Form enthalten. Die Theorie findet ihren Platz meines Erachtens dort, wo es um die Begründung einer Maßnahme, Methode, oder Vorgehensweise geht. Somit sind vor allem die Forces, also die unterstellten Wirkkräfte, theoretischer Natur. Und hier ist die Kritik von Peter Baumgartner und einigen anderen Workshopteilnehmern sehr berechtigt, dass eine Verbindung zu bereits existierenden didaktischen Modellen in der Regel nicht erfolgt sondern eigene Begründungen und Verallgemeinerungen von den Autoren eingebracht werden. Dies gilt auch für die meisten Muster, die ich bislang beschrieben habe. Dies liegt zum einen – ich gebe es zu – an einer gewissen Ignoranz bereits existierender Theorien seitens der Informatiker. Doch zwei weitere Gründe sind zu nennen.
- Zum einen berücksichtigt der ganzheitliche Ansatz der Entwurfsmuster nicht nur die pädagogisch-didaktischen Herausforderungen sondern auch organisatorische, technische, politische, finanzielle usw. Rahmenbedingungen der Umwelt.
- Zum anderen lassen sich Theorien nicht immer guten Gewissens einem Entwurfsmuster zuordnen, gerade weil die Theorien zu allgemein sind.
Beispiel: Ich hätte für meine Entwurfsmuster für interaktive Grafiken sehr gerne (etablierte) theoretische Begründungen einfließen lassen, teils ist dies auch gelungen. Doch oft sind die theoretischen Prinzipien der Art „Interaktivität ist gut“ (oder die Multimedia-Prinzipien von Richard E. Mayer) nicht angemessen, da der Nutzen nicht an der Interaktivität an sich sondern an der Interaktivitätsform und der passenden Anwendung hängt. Doch dieser Bezug, diese Präzisierung geht oft in Theorien unzulässig verloren. Hier sehe ich den großen Nutzen von Mustern: sie sind für die Praxis konkreter (relevanter) und auch auf theoretischer Ebene meist präziser.
Wissenschaftlichkeit von Pattern?
Auf dem Workshop kam wieder einmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Patterns auf. Erkenntnistheoretisch bezieht sich bereits bei Aristoteles die Erkenntnis des Allgemeinen nicht nur auf die Erfahrung der Umwelt sondern auch auf die Erfahrung des Handelns – so geht es etwa in der Medizin nicht nur physische oder physiologische Zusammenhänge sondern auch um die Wirkung ärztlichen Handelns (Handwerk): Der Kamillentee hilft bei Fieber. Das wissenschaftliche liegt darin, dass auch Gründe und Ursachen bekannt sind.
Beides wird bei Entwurfsmustern vor allem in den Forces festgehalten. Selbst die sehr einfachen Entwurfsmuster „Patterns for the Doctoral Student“ sind daher ein Stück mehr als Binsenweisheiten, da sie das Rational explizit (und damit empirisch angreifbar) machen. Das Problem mit Handlungswissen ist gerade, dass das implizit beim Experten vorhandene Wissen für ihn trivial, für den Novizen aber durchaus lehrreich ist. Als die Entwurfsmuster im Bereich des Softwaredesigns Einzug erhielten, gab es ebenfalls das „So what?“-Problem. Erfahrene Softwaredesigner haben in den Mustern nichts neues sondern nur ihre lang erprobten Techniken wieder gefunden.
Das „Neue“ aber liegt in dem Herausstellen und Verallgemeinern dieser Techniken. So sind etwa neu entdeckte Handlungsweisen einer Tierart keineswegs neu für diese Art. Die Frage ist eher, wann etwas beginnt trivial zu sein. Das Muster „Online-Schulung“ legt nahe, ein Bitte nicht stören!-Schild an die Bürotür zu hängen, damit man bei der Übertragung nicht unterbrochen wird. Im Prinzip ist dies trivial, doch wenn man diese Maßnahme auslässt, kann dies unangenehme Konsequenzen haben. Um die Notwendigkeit zu begründen und die generierten Werte dieser sehr einfachen Lösung im Detail zu erörtern, gibt es eine eigene Musterbeschreibung. Hier bin ich mir selbst (als Autor) nicht mehr sicher, ob nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird.
Dreischritt wichtig auch bei einfachen Checklisten
Den Dreischritt halte ich aber auch hier für sinnvoll und einfachen Checklisten oder Tipps&Tricks-Sammlung überlegen. Tipps&Tricks sind immer nur in einem bestimmten Kontext anwendbar und adressieren bestimmtes Probleme. Die Nennung von Kontext und Problem bringt zusätzliche Erkenntnis. Für den adäquaten Einsatz der Tipps&Tricks ist das Verständnis von Kontext und Problem wichtig, um nicht einfach nur Vorschriften zu befolgen. Bei den Binsenweisheiten handelt es sich daher meiner Meinung nach um Muster auf sehr, sehr feiner Granularitätsstufe. Das literarische Pattern-Format ist dann sicherlich schnell überdimensioniert. Mini-Muster (wie etwa ein „Bitte nicht stören!“-Schild) bedürfen keiner ausführlichen Beschreibung, sie lassen sich oft in einem Satz abhandeln. Z.B. findet sich im Muster Schulungs-Konzept eine einfache Binsenweisheit als Stolperstein: „Um nicht durcheinander zu kommen, haken Sie die behandelten Stichpunkte mit einem Stift ab.“
Das hört sich nach einem einfachen Tipp an, ist aber ein vollständiges – wenn auch sehr, sehr kleines - Muster. Denn neben dem Tipp „Stichpunkt abhaken“, der die Lösung darstellt, wird auch die Begründung gegeben, denn der Kontext ist implizit „Schulungs-Konzept“ und das Problem ganz einfach „nicht durcheinander kommen“. In diesem Sinne ist der Tipp nicht präskriptiv sondern generativ, d.h. wegweisend statt vorschreibend. Wo liegt hier nun die QWAN, was ist bei einer so einfachen Regel das emergente Phänomen? Tatsächlich ließe sich dieser ganz kleine Tipp noch weiter in seine Bestandteile zerlegen, z.B. könnte man erörtern, warum der Trainer durcheinander kommt (welche Wirkkräfte sind hier verantwortlich?) und wieso das Abhaken wieder Orientierung gibt (warum werden gerade durch diese Lösung die Wirkkräfte ausbalanciert?). Es fällt schwer, zu benennen, was im Detail gut daran ist, seine Stichwortliste abzuhaken, denn es werden gleich mehrere Ziele erfüllt (z.B. unmittelbare Anzeige wo ich gerade bin, was schon abgearbeitet ist und was noch folgt), die Qualität lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, die Anforderungen auch nicht.
Natürlich macht es keinen Sinn, diese kleinsten Tipps als eigenständige Muster auszuformulieren. Sinnvoll ist es jedoch, auch Tipps nicht nur als Anweisungen sondern als Lösungen für ein Problem in einem Kontext zu behandeln. Spannender sind sicherlich die Muster höherer Ebenen, die sich aus vielen solcher kleiner Muster zusammensetzen und damit neue emergente Eigenschaften erzeugen. Solche Muster sind aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr trivial und beinhalten oft auch neue (d.h. in dem Fall bislang nicht explizierte) Erkenntnisse. Über den erkenntnistheoretischen Wert von Entwurfsmuster wird noch mehr zu sagen sein; ich hoffe, bis zum Symposium „The challenges of the design pattern paradigm for the development of learning environments and experience“ auf der CAL 2009 eine ausgereiftere Position ausgearbeitet zu haben. Weitere Überlegungen finden sich in einer Diskussion im Planet Blog.
Beste Grüße und vielen Dank,
Christian Kohls
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16.03.2009
Philosophische Überlegungen zum Musteransatz
Aus erkenntnistheoretischen Überlegungen habe ich bereits öfters in meinen Arbeiten auf den Begriff der Emergenz hingewiesen und versucht für die Didaktik von E-Learning nutzbar zu machen (siehe beispielsweise die referenzierten Artikel am Ende dieses Weblogeintrags). Gerade vor diesem epistemologisch motivierten Hintergrund interessieren mich (Entwurfs-)Muster (Design Pattern) so sehr. Mir scheint allerdings, dass dieser allgemeinere Zugang in der "Pattern Community" bisher nicht einmal ansatzweise diskutiert wird.
Emergenz und Muster
Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen sehe ich - vereinfacht gesagt - darin, dass die Elemente der "unteren" Ebene auf der "oberen" Ebene ein Muster bilden. Diese (neue) Organisationsform auf der höheren Ebene ist es, die für das Entstehen neuer Eigenschaften, Funktionen etc, also das was dann als emergentes Phänomen bezeichnet wird, verantwortlich ist.
Emergenztheorien wenden sich demgemäß gegen reduktionistische wissenschaftliche Ansätze. Unter Reduktionismus werden jene Lehrmeinungen verstanden, die davon ausgehen, dass die Phänomene der oberen Ebene alleine durch die Kenntnis des Eigenschaften der sie bildenden Bestandteile verstanden, erklärt, vorhergesagt etc. werden können. Hier sind Beispiele aus den Naturwissenschaften instruktiv (siehe zum Folgenden den Artikel in http://www.wasser.de/.
Die Elemente Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) bilden in einem bestimmten Mischungsverhältnis und Zusammenwirken Wasser (H20). 
Weil Wasserstoff (positiv) und Sauerstoff (negativ) geladen sind, besitzt das Wassermolekül eine Polarität (plus). Da sich gleiche Ladungen abstoßen und unterschiedliche Ladungen anziehen, richten sich die Moleküle zu gewissen Mustern aus. Diese dreidimensionalen Anordnungen werden Cluster genannt. Diese Bindungen der Moleküle untereinander nennt man Wasserstoffbrückenbindung. Diese besondere Verbindungsmuster (Wasserstoffbrückenbindung) ist verantwortlich für gänzlich neue Eigenschaften wie Oberflächenspannung und den neuen flüssigen Aggregatzustand bei Raumtemperatur. Die Eigenschaft "flüssig" ist weder im Element Wasserstoff noch im Element Sauerstoff vorhanden.
Der obige verwendete Muster-Begriff stammt übrigens nicht von mir um mein Argument stärker zu machen, sondern findet sich im Originaltext des Artikels, den ich nur aus stilistischen Gründen etwas umformuliert habe.
Sieben philosophische Fragestellungen
Aus dem obigen - fast trivial anmutenden -Beispiel lassen sich einige interessante erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fragestellungen generieren:
- Was ist unter Emergenz zu verstehen? Ist es die Unerklärbarkeit der Eigenschaften der "höheren", Ebene, der Wirkungen der "zusammengesetzten" Elemente? Oder ist es die Nicht-Reduzierbarkeit der auf der "höheren" Ebene feststellbaren Phänomene? Sind es bloß begriffliche (konzeptionelle) oder tatsächlich real vorkommende (ontologische) Neuheiten? Oder ist Emergenz - wie ich meine - alles das zusammen und gleichzeitig (Holismus)?
- Worauf beziehen sich emergente Phänomene? Auf Eigenschaften, Substanzen, Prozesse, Organisationsformen (Muster), Funktionen, Gesetze? (Ich vertrete hier - deshalb mein Interesse für die Entwurfsmuster – die Meinung, dass es vor allem um die Organisationsform geht. Der Spruch "Das Ganze ist mehr als seine Einzelteile" weist auf eine emergentes Phänomen hin, das nicht geisterhaft aus dem Nichts entsteht, sondern der spezifischen Organisationsform der Einzelteile verschuldet ist.
- Welchen Anwendungs- oder Geltungsbereich hat Emergenz? Sind emergente Phänomene selten, treten nur unter ganz besonderen Bedingungen und Umständen auf oder sind sie - wie ich meine - alltäglich? Weil unsere Welt auf den verschiedensten "Ebenen" immer aus zusammengesetzten Elementen besteht, die sich unter bestimmten Organisationsformen verbinden, Muster bilden, ist Emergenz "Immer und überall" zu finden.
- Ist Emergenz "objektiv" oder "subjektiv"? Ist Emergenz eine tatsächlich in der Außenwelt vorkommende ("objektive") Eigenschaft, oder erscheint sie nur als solche im Auge des Betrachters, der Beobachterin? Aus meiner Sicht ist die Eigenschaft "flüssig" selbstverständlich ein real vorkommendes Phänomen. Natürlich ist der Begriff "flüssig" unsere Wortschöpfung (Konstruktion) und natürlich erkennen wir Wasser niemals "an sich", sondern ist unsere Erfahrung (Empirie) durch Beobachtungen geprägt, die wir interpretieren. Trotzdem entspricht unserer Erfahrung – die wir durch Interaktionen mit unserer Außenwelt ständig "validieren" – ein außerhalb von unseren Köpfen stattfindendem Phänomen. Der Aggregatzustand "flüssig" ist zwar auch eine gedankliche Konstruktion - aber nicht nur!
- Ist Emergenz statisch und synchron oder dynamisch und diachron, oder beides? Ich meine, dass beides möglich ist. Das obige Wasserbeispiel belegt den synchronen Ansatz: Die neue (emergente) Eigenschaft flüssig zu sein, ist mit der vollzogenen Verbindung der Wasser- und Sauerstoffmoleküle sofort (gleichzeitig) vorhanden. Die Verbindung H2O ist flüssig. Oft entstehen aber erst nach einiger Zeit aus komplexen naturwissenschaftlich Prozessen neue Phänomene (vgl. die Literatur zur Chaostheorie.)
- Ist die Welt in Ebenen steigender Komplexität geschichtet? Aus meiner Sicht: Ja! Ich schließe mich hier der Theorie zur ontologischen Schichtung von Michael Polanyi an bzw. stimme Nicolai Hartmann zu, wenn er fundamental von Schichten des Realen ausgeht. Jede Schicht (Ebene) hat ihre Muster (Organisationsform) der Elemente und demnach auch die ihr entsprechende Beobachtungs bzw. Analysemethode für ein adäquates Beschreibungs - bzw. Erklärungsmodell.
- Auf welche Weise sind emergente Phänomene von den sie verursachenden Elementen autonom? Hier gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, hier unterscheiden sich beispielsweise die Ansätze von Polanyi und Hartmann grundsätzlich. Das ist eine zwar sehr wichtige aber auch sehr komplizierte – und letztlich nur empirisch zu entscheidene Fragestellung. Ich habe dazu selbst keine eigene Auffassung und möchte zu einem späteren Zeitpunkt sowohl die Bedeutung der Fragestellung als auch einige Lösungsversuche darstellen.
So What?
Und was hat nun dieser ganze philosophische Klim-Bim – so werden sich einige Leser/-innen berechtigt fragen – eigentlich mit Pädagogik, Didaktik oder gar E-Learning zu tun? Ich habe versucht in einigen meiner Artikel dazu eine Antwort zu geben. So habe ich den Ansatz der Emergenz sowohl im Bereich der Lernobjekte
als auch bei der Einführung des Begriffs Didaktisches Szenario
angewendet (siehe Referenzen zu diesem Beitrag).
- Wenn ermergente Phänomene alltäglich sind, dass treffen sie eben auch auf die Didaktik zu.
- Wenn die Welt geschichtet ist, dann sind auch in der Didaktik Schichten zu unterscheiden (z.B Mikro- und Makrodidaktik).
Aus meiner Sicht werden leider diese philosophischen Implikationen des Muster-Ansatzes bisher viel zu wenig diskutiert. So wird beispielsweise häufig die Diskussion um pädagogisch/didaktische Entwurfsmuster mit ihrer Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit (Trivialität) dominiert. Vgl. z.B. den Weblogeintrag bei Gabi Reinmann, aber ich meine mit dieser Kritik auch mich selbst (vgl. meinen Beitrag Kritik der didaktischen Entwurfsmuster).
Ich denke es ist wichtig für die weitere Diskussion, dass wir die Brauchbarkeit des Ansatzes nicht nur über die real existierenden Entwürfe und Muster beurteilen. Wenn ich damit scheitere einen Nagel in die Wand zu schlagen, dann muss dies nicht unbedingt am Werkzeug (den Hammer) oder am Nagel liegen. Vielleicht liegt es an mir, an meinen Versuchen, d.h. vielleicht habe ich den Nagel falsch eingeschlagen, d.h. den Hammer schlecht benutzt. Vielleicht aber habe ich auch eine ungeeignete Stelle in der Wand (oder gar eine falsche Oberfläche - "Ebene") für das Nageleinschlagen benutzt; vielleicht aber war auch der Nagel nur für diese Wand nicht geeignet.
Aus verschiedenen aktuellen Diskussionen, die zum Teil in den letzten Tagen mich über Mails erreichten, vermute ich folgendes: Wir wählen häufig (unbewusst) nicht immer die gleiche Schicht für Analyse- Beschreibung und Problemlösung, d.h. wir wechseln bei Analyse, Beschreibung bzw. beim Lösungsvorschlag die Ebenen. Dadurch werden die Vorschläge einerseits trivial (die Lösungsebene ist gegenüber der Problemebene zu "hoch") oder aber nicht überzeugend/nicht Neues produzierendes (die Problemebene ist "höher" als die Lösungsebene). Zu dieser These möchte ich später noch Genaueres auf diesen Seiten schreiben .
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20.03.2009
Oder: Was können wir aus philosophischen Diskussionen lernen?
In einem ausführlichen Kommentar geht Frank Vohle auf meine philosophischen Überlegungen zum Verhältnis von Muster und Emergenz ein. Ich war sehr froh darüber: Nicht deshalb, weil - wie Gabi meint – die tollen Kommentare immer bei mir landen , sondern weil es mich erleichtert hat, dass ich nicht alleine mit solchen abstrakten Überlegungen dastehe.
Der nachfolgende Beitrag ist (leider) noch nicht sehr gut ausgearbeitet.
Außerdem fürchte ich aus, dass es für philosophisch ausgebildete
Expert/-innen einigermaßen grob und naiv wirken mag. Wenn ich trotzdem
versuche auf einige komplizierte philosophische Fragestellungen
einzugehen, dann mag vielleicht das Diktum von Ludwig Wittgenstein als
Rechtfertigung herhalten:
Ich glaube, einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte
es interessieren, meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch selten ins
Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen
Zielen ich unablässig geschossen habe. (In: Über Gewissheit, §387)
Reflexives Praktikum
Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich im Hintergrund eine "geheimen Plan", eine Art "hidden Agenda" verfolge. Ausgehend von den Arbeiten von Donald Schön, habe ich in meiner Habilitationsschrift dargelegt, dass die Entwicklung eines Curriculums für Expert/-innen spezifische Eigenheiten aufweist. Es sind einige Aspekte dieser Eigenheiten, die für mich aus pädagogisch-didaktischer Sicht den Pattern-Ansatz so attraktiv machen:
Donald Schön weist nämlich nach, dass der Lehrprozess für Expert/innen und Praktiker/-innen auf eine durch deren Erfahrung gewonnenen Perspektive aufbauen muss. Das wiederum führt zu einer spezifischen Struktur der "Lehrveranstaltung", die Schön das "reflexive Praktikum" nennt. (vgl. S. 300 und 302 meiner Habilschrift).
Bei einem reflexivem Praktikum steht im Mittelpunkt weder eine Übermittlung von Inhalten (z.B. Vortrag) oder Einübung von Fertigkeiten (z.B. Übung) noch eine selbständige Auseinandersetzung und Produktion eigener Inhalte (z.B. Seminar). Vielmehr ist das reflexive Praktikum durch einen interaktiven Wechsel (Oszillation) zwischen reflexiven Konversation und Design bzw. Gestaltung geprägt. 6 Aspekte sind für ein reflexives Praktikum konstituierend:
- Es gibt keinen Vortrag oder Erklärungen. Vielmehr wird versucht gemeinsam das Problem zu (re)formulieren. Es geht darum alte Sichtweisen über Bord zu werden und bekannte Schwierigkeiten unter einem neuen Blickwinkel erscheinen lassen. Das sollte mit einer spielerischen Leichtigkeit – geleitet von bisherigen Erfahrungen – geschehen. Personen, die solche Praktikas leiten, sind nicht mehr Lehrer/-innen im traditionellen
Sinne, sondern nehmen eher Funktionen von „Coaches“ oder
Spielertrainer/-innen wahr, die mit den Studierenden ein Spiel erproben. Das primäre Vehikel in dieser Phase ist die Sprache.
- Mit der gemeinsam vollzogenen Reformulierung werden nun aber neue
Ansatzpunkte einer möglichen Veränderung der Situation, neue
Angriffspunkte beziehungsweise neue Gesichtspunkte zur
Aufmerksamkeit gebracht. Diese Momente sind aber nicht mehr nur unbedingt sprachlich erfassbar, sondern es werden Skizzen, Tonmelodien, Personenaufstellungen, Theaterstücke, Schachnotationen etc. zur Verdeutlichung verwendet. Es wird damit eine (neue) ganzheitliche Perspektive (er)öffnet, das (alte) Problem erscheint
in einem ganz anderen Licht. Das primäre Vehikel in dieser Phase ist eine eigene Notation, die die sprachliche Limitationen (Sequentialität: Ein Wort nach dem anderen, ein Satz nach dem anderen, ein Gedanke nach dem anderen) überwinden soll und eine ganzheitliche Präsentation (Bild, Performance etc.) liefern soll.
- Die "Spielertrainer/-innen" laden die die Teilnehmer/-innen des reflexiven Praktikums ein, sich in diese neue Situation
hinein zu begeben, sie auch emotionell anzunehmen und sich mit ihr vertraut
zu machen. Es sind Annäherungen, die den persönlichen (mentalen und/oder körperlichen) Einstieg in die neu geschaffene Konfiguration, das Muster ermöglichen sollen. Das schließt auch das Aufnehmen einer gewissen
emotionalen Beziehung zur Situation ein. Es wird nun von der Außenperspektive (objective stance) zur Innenperspektive gewechselt. Der wissenschaftlich neutrale, objektive Standpunkt der 3. Person wird mit dem Standpunkt der 1. Person vertauscht. Wie "fühlt" sich die Situation an? Wie empfinde/n ich/wir die Situation?
- Im nächsten Schritt wird ein „lokales Experiment“
durchgeführt. Die Teilnehmer/-innen des reflexiven Praktikums versuchen zu „entdecken“, welche Eigenschaften
die neue Situation hat, wie sie auf ein Verändern gewisser
Parameter reagiert. Das spielerisch entdeckte Muster wird nun systematisch variiiert und es werden die Veränderungen sowohl in der 3. als auch 1. Person beobachtet. Es findet ein ständiges oszillieren zwischen objektiv/subjektiv zwischen Beoachtung (3. Person) und Hineinbegeben (1. Person) in die Situation statt.
- Dieses Experimentieren führt zu neuen Gesichtspunkten, es
werden neue Möglichkeiten und Konsequenzen entdeckt. Dabei
wird aber nicht nach "trial and error", Erfolg/Misserfolg vorgegangen, sondern die Teilnehmer/-innen versuchen, die Situation so zu modellieren, dass sie ihrer
Vorstellung gefühlsmässig entspricht, dass eine Konfiguration bzw. Muster entsteht, dass Situation angenommen
werden kann.
… the practitioner’s move also produces unintended changes which
give the situation new meanings. The situation talks back, the practitioner
listens, and as he appreciates what he hears, he reframes the situation
once again. (Schön 1983, 131f.)
- Durch diesen spiralförmigen Prozess der reflexiven Konversation
mit der (neuen) Situation gewinnt das Problem einen anderen
Charakter, wird vertraut und in seiner Einzigartigkeit
verstanden. Schön bezeichnet diesen Prozess als „reflection-in-action“
(reflektierendes Handeln).
Donald Schön und Christopher Alexander
Bei der Beschreibung des verschiedenen Aspekte des reflexiven Praktikums verwendet Donald Schön immer wieder den Designbegriff, den ich mit Gestaltung übersetze. Heute würde ich bei einer Neufassung meiner Habilitationsschrift für die Gestaltung komplexer Situation jedoch nicht nur den Design-Begriff erweitern (S.271ff.), sondern auch "Entwurfsmuster" dazu sagen.So ist es ja aus meiner Sicht auch kein Wunder, wenn Donald Schön als eines seiner wichtigsten Fallbeispiele gerade die Ausbildung von Studierenden der Architektur heranzieht. Diese thematische Übereinstimmung mit den Pattern-Ansatz des Architekten Christopher Alexander ist - wie ich glaube - kein Zufall!
Es ist ein nachträgliches Aha-Erlebnis für mich gewesen, die Arbeiten von Donald Schön nochmals unter dem Licht des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander Revue passieren zu lassen. Um dieses Erlebnis nachempfinden zu können, empfehle ich die beiden wichtigsten Bücher der beiden Autoren (Schön: Educating the Reflective Practitioner: Toward a New Design for Teaching and Learning und Alexander: The Timeless Way of Building parallel bzw. unmittelbar hintereinander zu lesen!
Einige relevante Fachbegriffe
Aus dem bisher Gesagten ist es wohl nun einsichtig, warum ich an den Pattern-Ansatz von Alexander so interessiert bin. Unklar ist aber weiterhin, warum ich die ganze Batterie von philosophischen Fachbegriffen und der Vergleich mit den (Natur-)Wissenschaften für die Gestaltung didaktischer Situationen (= didaktisches Szenario) notwendig ist.
1. Oszillation und Entwurfsmuster
Ich habe nicht zufällig den Begriff Oszillation (Schwingung, Pendelbewegung) gewählt. Mir geht es dabei nicht nur um die Pendelbewegung zwischen zwei Polen, sondern um das oszillieren zwischen zwei Ebenen, zwischen einer Mikro- und einer Makroebene. (Richtig: Hier kommt wieder unser Wunderwuzzi der Emergenz ins Spiel!) Eine andere Sichtweise davon ist das Oszillieren zwischen scheinbar paradoxen Gegensätzen (Paradoxien). Vgl. dazu auch das interessante Buch Oszillodox: Virtualisierung – die permanente Neuerfindung der Organisation.
Beim Erläutern des reflexiven Praktikum haben wir ein ständige zweifache Oszillation erfahren: Sprache/Sequenz versus Notation/Präsentation und Außensicht/Beobachtung/3. Person versus Innensicht/Einfühlung (Indwelling bei Polanyi/1. Person.
Ich glaube - und das ist eine meiner wesentlichen Thesen, warum ich den Musterbegriff so interessant finde – dass dieses Oszillieren zwischen den verschiedenen Ebenen für den Erkenntnisprozess wesentlich ist. Aus meiner Sicht ist es daher zuwenig, einfach Entwurfsmuster - sozusagen Patentrezepte – zu generieren. Diese Muster sind nicht statisch (als Lösungsmuster) zu begreifen, sondern sind Entwurfsmuster, die für das Generieren neuer Situationen bzw. Konfigurationen dienen. Wenn ich viele der pädagogischen Entwurfsmuster kritisiere, dann vor allem deshalb, weil sie als statische Lösungsmuster und nicht als dynamische Erkenntnismuster zur Gestaltung neuer Situationen verstanden werden.
2. Emergenz und Kräfte
In meinem früheren Beitrag Muster als emergentes Phänomen habe ich versucht darauf aufmerksam zu machen, dass zum Patternbegriff auch der Begriff der Emergenz gehört. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass Emergenz (emergence) ein schillender philosophischer Begriff ist. Ursprünglich als "neu auftauchend" und damit als Gegensatz zu resultierend (engl. resultant) eingeführt, war damit gemeint, dass die Summierung der Eigenschaften und Kräfte der unteren Ebene nicht ausreicht um die Erscheinungen (Eigenschaften und Kräfte) der oben Ebene zu erklären bzw. vorher zu sagen. Pate für diese Vorstellung von Emergenz war aber das Newtonsche Weltbild und als Paradigma galt die Vektoraddition im Kräfteparellologramm.
Diese einfache Vorstellung von Emergenz lässt aber eine ganze Menge von Fragen unbeantwortet, von denen ich nur einige hier erwähnen möchte:
- Gelten diese mechanistischen Überlegungen noch im Zeitalter der Quantenmechanik?
- Sind die emergenten Erscheinungen nur dem bisherigen Entwicklungsstand der Wissenschaften verschuldet, weil wir beispielsweise noch nicht die darunter liegenden Gesetze der Mikroebene erkannt haben?
- Ist Emergenz ein Phänomen, d.h. eine bloße Erscheinung, die nur im Auge des Betrachters entsteht, d.h. aus der Relation Beobachter-Beobachtetes hervorgeht oder hat Emergenz eine ontologische Realität?
Was wird unter Kräften im Muster-Ansatz von Alexander genau verstanden? Welche Art von Kräfte sind für die pädagogischen/didaktischen Entwurfsmuster relevant bzw. adäquat? Mir scheint hier eines der größten Probleme des Musteransatzes zu liegen. Ich vermute sogar, dass dies der Hauptgrund dafür ist, dass Alexander die (bisherige) Übertragbarkeit für objektorientiertes Programmieren und Userface Design ablehnt. – Und warum ich mit den bisherigen Entwurfsmustern im pädagogischen Bereich nicht so glücklich bin.
3. Supervenienz
Noch so ein Wortungeheuer: Unter Supervenienz (engl. supervenience) werden die Verhältnisse von Entitäten beschrieben. Das hat in der ganzen Diskussion mit Mikro- und Makroebene eine ganz besondere Bedeutung. Es geht beim Konzept der Supervenienz um die Frage, in wie weit Merkmale (Eigenschaften) der (Makro-)Ebene A mit Merkmalen (Eigenschaften) der (Mikro-)Ebene B zusammenhängen. Man sagt: Eine Eigenschaftsfamilie A superveniert genau dann über einer
Eigenschaftsfamilie B, wenn es nicht möglich ist, A zu ändern, ohne B
zu ändern.
Ein (triviales) Beispiel ist das Pixelmuster in einem Bild. Das Pixelmuster stellt etwas dar, z.B. einen Hund. Das Bild hat also die (globale) Eigenschaft einen Hund darzustellen. Keine zwei Bilder können sich in ihren globalen Eigenschaften
unterscheiden, ohne sich irgendwo in der Punktverteilung, bei der Konfiguration der einzelnen Pixel zu
unterscheiden. Man sagt: Die darstellenden Eigenschaften des Bildes (= einen Hund darzustellen) supervenieren mit dem physikalischen Eigenschaften des Bildes, dem Pixelmuster. Umgekehrt ist das jedoch nicht der Fall, weil ein Hund auch ohne Pixel, d.h. mit anderen physikalischen Eigenschaften dargestellt werden kann (z.B. indem ein Hund gemalt wird).
Ein nicht so triviales bzw. sogar heftig diskutierte Anwendung von Supervenienz ist die Philosophie des Geistes: Man sagt, dass das Mentale (die Geisteszustände) dem Physikalischem (den neurophysiologischen Zuständen) supervenient sind, d.h. dass jede Änderung der Geisteszustände mit einer Änderung der physikalischen Zustände (einer unterschiedlichen Neuronenfeuerung z.B.) korrespondiert.
Es stellt sich nun die Frage bei der Gestaltung von didaktischen Szenarien, welche der verschiedenen Eigenschaften der Mikroebene (z.B. Anordnung der Tische, Größe der einzelnen Arbeitsgruppe) sind supervenient für – sagen wir – ein reflexives Praktikum (Makroebene). Oder allgemeiner ausgedrückt: Welche konfigurativen Elemente einer didaktischen Situation sind unbedingt erforderlich um den angestrebten Zweck zu erreichen? Was ist Beiwerk und was ist Wesentlich?
4. Abwärts-Verursachung (Downward Causation)
Bisher
habe ich Emergenz immer nur als ein neu auftauchendes Phänomen der
Makroebene behandelt, sozusagen als ein Phänomen, das durch
Aufwärts-Verursachung entsteht. Das ist natürlich nur eine der Möglichkeiten wie Emergenz wirken kann und
nicht umsonst gibt es eine ganze Liste von Büchern, die sich mit
Emergenz und den philosophischen Implikationen daraus beschäftigen.
Wichtig in meinem Zusammenhang ist es, dass es auch eine Abwärts-Verursachung (Downward Causation) geben könnte. Ein typisches Beispiel für Abwärts-Verursachung ist die
Evolution: Aus der zufällige Genvariation (= untere Ebene,
Aufwärtsverursachung) setzt sich in großen evolutionären Zeiträumen
durch Selektion jene Variation durch, die den Umweltbedingungen am
besten entspricht. Die in der Evolution vorgenommene Selektion "wählt"
also aus den zufälligen Genvariationen aus, wirkt also von der oberen
Ebene auf die untere Ebene zurück (= Abwärts Verursachung). - Für mich
war der Videoausschnitt eines Vortrags von Dr. Nancy Murphy
zum Verständnis von Downward Causation sehr hilfreich. Ein Einblick in
die aktuelle philosophische Diskussion findet sich z.B. im Artikel Levels, Emergence, and Three Versions of Downward Causation.
Die Frage nun ist: Gibt es auch eine Abwärts-Verursachung im pädagogisch-didaktischen Bereich? Worin könnte die bestehen? Die Frage nach der (Richtung der) Verursachung ist eine Konkretisierung des Supervenienz-Konzeptes: Bei der Supervenienz geht es um die Zusammenhänge der unteren zur oberen Ebene, wobei jedoch kausale Kräfte vorerst einmal nicht interessieren. Welche Eigenschaften der oberen Ebene hängen untrennbar (sind supervenient) mit Eigenschaften der unteren Ebene? Die Frage nach der Verursachung hingegen richtet sich auf die Kausalität: Welche Eigenschaften der Ebene A oder B sind für welche Eigenschaften der jeweils anderen Ebene ursächlich, verantwortlich?
5. Kohärenz?
Möglicherweise ist auch Kohärenz ein wichtiger Begriff? Ich weiß es nicht, kann dazu bisher wenig sagen. Muss mir dazu die erwähnten Passagen, die Frank erwähnt bei Gabi näher anschauen. Wo finde ich die genau?
Zusammenfassung
Ich gebe zu, dass die hier angeführten Begrifflichkeiten noch nicht besonders tragend und für die Pädagogik wegweisend sind. Es fehlt die Adaptierung dieser Begriffe, ihre Nutzbarmachung für die pädagogische Theorie. Unabhängig einmal von den einzelnen angeführten Details glaube ich jedoch zweierlei gezeigt zu haben (Und das ist quasi auch die Antwort auf die Frage von Frank in seinem Kommentar, sozusagen der langer Rede kurzer Sinn ):
- Wenn wir davon ausgehen, dass es auch in der Didaktik verschiedene Ebenen der Betrachtung, Analyse und Gestaltung gibt, dann machen Konzepte, die sich mit dem Verhältnis der verschiedenen Ebenen zueinander beschäftigen, durchaus Sinn. Mehr noch: Ich glaube sogar, dass diese Begriffe für die weitere Theorieentwicklung der Bildungswissenschaften entscheidend sind. Und dass didaktisches Handeln verschiedene Ebenen hat, hat aus meiner Sicht Flechsig sehr schön aufgezeigt. Ich verweise dazu auf meine in Vorträgen häufig verwendete Folie der inklusiven didaktischen Hierarchien, die ich als unterschiedliche Gestaltungsebenen von E-Learning Szenarien definiert habe.
- In der Beschäftigung mit den Konzepten der Naturwissenschaften und deren Vergleich mit der Pädagogik ergibt sich ein heuristisches Potential. Ich glaube, dass wir (a) aus der
Analogie viel lernen können und (b) uns der Vergleich als heuristisches
Mittel der Erkenntnis dienen kann. – Nicht so ganz nebenbei sei hier
natürlich "eingestanden", dass ich von der Einheit der Wissenschaften
ausgehe und der Auffassung bin, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, die für
alle Wissenschaftsebenen (Physik, Chemie, Biologie, Psychologie,
Soziologie) Gültigkeit haben. Gerade deshalb ist beispielsweise die
Untersuchung der Zusammenhänge zwischen oberer und unterer Ebene und
das Lernen im Umgehen mit philosophischen Termini aus meiner Sicht so
wichtig!
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01.04.2009
Auf den philosophischen Spuren von Christopher Alexander
Vor zwei Wochen hat mich Reinhard Bauer auf ein kleines Büchlein hingewiesen: Leitner, Helmut. 2007. Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. 1. Aufl. Nausner & Nausner. Ich war über das Buch aus mehreren Gründen äußerst positiv überrascht:
Positive Würdigung
- Soweit ich weiß ist es eines der ganz wenigen Publikationen, die
nicht bei den früheren Arbeiten von Christopher Alexander (A Timeless
Way of Building und A Pattern Language) stehen bleiben, sondern sich
vor allem auf die 4 Bände von The Nature of Order - An Essay on the Art
of Building and The Nature of the Universe beziehen.
- Der österreichische Autor Helmut Leitner, war mir bis dahin völlig unbekannt. Obwohl Helmut Leiter
ein Software- und Wiki-Entwickler ist, schreibt er über philosophische
und theoretische Fragestellungen mit einem Hintergrund, den ich mir
häufig vielen Publikationen von Universitätsleuten wünschen würde.Das Buch ist – trotz des recht anspruchsvollen Inhalts - verständlich geschrieben und leicht zu lesen.
- Im Buch wird in einem Kapitel werden Anwendungen des
Musteransatzes von Alexander aufgezeigt. Das beginnt natürlich bei den
bekannten Beispielen Architektur und Softwareentwicklung, bezieht aber
auch Online-Communities, soziale Erneuerungsbewegungen,
Regionalentwicklung, Dialogtheorie und natürlich auch die Pädagogik
mit ein. - In einem eigenen Kapitel werden – wie bereits erwähnt mit recht
solidem Hintergrundwissen – theoretische Anschlussmöglichkeiten zur
Systemtheorie, Objektorientierung, Physik, Biokybernetik,
Evolutionstheorie, Christentum (Teilhard de Chardin), Kritischer
Rationalismus (Karl Popper), Kritische marxistische Theorie (Klaus Holzkamp) und Konstruktivismus aufgezeigt.
Aus diesen 4 Gründen heraus stellt das Buch aus meiner Sicht ein Novum dar. Das Buch beginnt dort, wo die meisten anderen Arbeiten und Überlegungen zum Patternansatz aufhören. Es wird ein ganz anderer Alexander gezeigt. Mich hat das Büchlein sehr angesprochen und motiviert (nochmals) mir die 4 Bande von "The Nature of Order" herzunehmen. Vieles habe ich nun von einer anderen Warte gelesen - die Einführung von Leitner hat mir diese neue Sichtweise auf die Arbeiten von Christopher Alexander erleichtert.
Ich habe jetzt zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, warum Alexander die Anwendungsbeispiele und Herangehensweise des Patternansatzes in der objektorientierten Programmierung ablehnt. Ich glaube nun, dass die bisherigen Übertragungen in andere Bereiche alle seinen Ansatz von den philosophischen Implikationen bereinigen und auf einen mechanistischen und formalisierten Zugang zur Musterentwicklung und Musterbeschreibung reduzieren.
Kritische Würdigung
Nachdem ich jetzt soviel Positives gesagt habe, muss ich natürlich auch die Schwächen erwähnen, die das Buch aus meiner Sicht hat:
- Es gibt praktisch keine Anmerkungen und/oder weiterführende Hinweise. Ich glaube, dass dieser (Wissenschaflter?)-Wunsch durchaus zu erfüllen gewesen wäre, ohne dass das Büchlein im Haupttext komplexer oder schwieriger zu lesen gewesen wäre.
- Die meisten Punkte im Anwendungskapitel und bei den Anschlussmöglichkeiten werden nur angedacht. Es fehlt meistens eine überzeugende Argumentation wo denn nun genau der Anschluss besteht und wie dieser Anschluss aussehen könnte. Der Teil zur Pädagogik ist überhaupt nur rudimentär und eigentlich bloß eine vage Vermutung. (Das drückt sich auch im Titel dieses Abschnittes aus: "Muster - Chancen für die Pädagogik").
- Die lockere Herangehensweise des Autors hat den Nachteil, dass vielfach Begriffe aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt werden, die durchaus zu hinterfragen gewesen wären. Gerade weil es im Deutschen dazu noch nichts (oder wenig) gibt, kann dies Büchlein stil- und begriffsbildend wirken. Es besteht die Gefahr, dass dann Begriffe eingebürgert werden, die nicht das ausdrücken, was Alexander gemeint hat. (Aber: im Allgemeinen hat Leitner aber durchaus gut übersetzt.) Eine kritische Reflexion bzw. Diskussion (im Anhang z.B.) wäre aber aus meiner Sicht durchaus angebracht gewesen und hätte zu einer Vertiefung des Verständnisses führen können.
Aber nochmals: Trotz dieser Kritiken ist das Buch für Leute, die sich mit dem Patternansatz auseinandersetzen wollen, wirklich lesenswert. Es liest sich schnell und leicht - und bloße 12 Euro sind ja schließlich auch kein unkalkulierbares Finanzrisiko.
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05.04.2009
Fragmentarische Betrachtungen zum Ganzheitskonzept bei Christopher Alexander
Die nachfolgende Skizze ist ein (winziges) Fragment im Rahmen einer komplexen Diskussion, die sich mit dem Musteransatz von Christopher Alexander beschäftigt. Sie versucht die im 5. Kapitel (pp. 143-242) vom 1. Band von The Nature of Order (TNO) angeführten 15 fundamentalen Lebenseigenschaften auf die Pädagogik umzulegen. Dementsprechend werden die Ausführungen in den Kapiteln 1-4 als bekannt vorausgesetzt und hier nur für Newcomer bzw. zur Erinnerung als Prämissen zusammengefasst. [Selbstverständlich ist das meine eigene Interpretation bzw. (Re-)konstruktion der Alexanderschen Theorie und muss selbst kritisch hinterfragt werden.]:
5 Prämissen
- Christopher Alexander versteht unter dem Begriff des Lebens weit
mehr als traditionell in der Biologie üblich ist. Für ihn ist "Leben"
eine emergente Eigenschaften von Strukturen, der Natur der Ordnung.
Leben entspringt aus der Ganzheitlichkeit, der strukturellen Kohärenz1
und ist demnach eine emergente Eigenschaft der Materie.
- "Leben"
ist keine ja-nein Eigenschaft, sondern entsprechend der Grad der
Ganzheitlicherkeit, dem Grad der Harmonie, dem Grad der strukturellen
Kohärenz eine graduelle Eigenschaft der Materie.
- "Leben" kann
durch Introspektion als Gefühl wahrgenommen werden. Dieser "Lebenssinn"
kann durch Übung geschärft werden. Die Bestimmung des Grades an Leben
lässt sich nicht auf individuelle Meinungen und/oder Werthaltungen
reduzieren, sondern kann empirisch (experimentell) bestätigt werden.
Besonders hilfreich ist dabei der paarweise Vergleich von Objekten
und/oder Situationen.
- Wie kann Ganzheitlichkeit analysiert
werden? Ein Zerlegen in einzelne Elemente zerstört die Konfiguration,
die interne Kohärenz, also das was die Ganzheitlichkeit ausmacht.
Alexander verwendet daher einen rekursiven Zentrumsbegriff: Zentren
werden von der Ganzheitlichkeit induziert und verweisen auf ihre
Beziehungen zu anderen Teilen, die wiederum selbst als Zentren wirken.
Ein Zentrum besteht selbst wieder aus Zentren.
- Ganzheitlichkeit
ist eine feldartige Struktur und definiert sich als ein
Muster von Zentren im Raum. Selbst wenn es sich um soziale
(Einfluss-/Macht-)zentren, Handlungs- Bewegungs- und/oder Kulturzentren
handelt, gibt es letztlich immer eine räumliche Dimension, ist die Dynamik eine Konfiguration von Kräften im Raum, spielt sich im Raum ab.
Methode statt Inhalt
Nach dieser Zusammenfassung in der Form von Prämissen beginne ich nun mit der eigentlichen Diskussion:
Im letzten (5.) Punkt ist die universelle Bedeutung von Raum bei Alexander deutlich geworden. Ausgehend von seinen professionellen Interessen als Architekt hat er über 20 Jahre versucht heraus zu finden, warum sich bei bestimmten Konstellationen das Gefühl der Lebendigkeit bei Bauwerken und anderen Artefakten einstellt. Er ist dabei auf 15 Eigenschaften bzw. Strukturmerkmale gestoßen, die seiner Meinung nach für Lebendigkeit verantwortlich sind.
Aus meiner Sicht krankt die ganze Pattern-Diskussion auf eine falsche Übertragung seiner Ideen auf andere Sachgebiete. Statt sich mit seinen inhaltlichen Annahmen auseinanderzusetzen wurde bloß seine Methode übernommen. In seinen weitaus bekannteren früheren Arbeiten wie The Timeless Way of Building" (TWB) und "A Pattern Language: Towns - Buildings - Construktion" (APL) hat Alexander nämlich diese Eigenschaften damals noch nicht einzeln benennen können, und daher immer nur von QWAN (the Quality Without A Name) gesprochen. Alexander konnte jedoch bereits räumliche Konfigurationen zusammenstellen, die einen hohen Grad von QWAN – also das, was er später "Leben" nannte – enthielten. Diese Konfigurationen bezeichnete er als "Muster" (Pattern) und definierte sie als eine Lösungsschablone, die in einem bestimmten Anwendungszusammenhang bzw. Kontext nutzbringend eingesetzt werden kann.
Each pattern describes a problem which occurs over and over again in our environment, and then describes the core of the soluation to that problem, in such a way that you can use this solution a million times over, without ever doing the same way twice. (APL, x)
Beispiele
In der Darstellung der Muster bediente sich Alexander einer Formalisierung, auf die ich im Detail hier nicht näher eingehe. Einige rudimentär und vereinfacht dargestellte Beispiele sollen die Idee verdeutlichen:
Beispiel aus der Architektur:
- Mustername: Stadt-Land Finger
- Problem: Große Städte ruinieren die Umwelt, aber eine gewisse Größe ist auch wichtig bringt Vorteile.
- Lösung: Mische Streifen von Ackerland mit Stadtzone bis ins Stadtzentrum hinein.
Beispiel aus dem Webdesign:
- Mustername: Brotkrumen streuen (Breadcrumbs)
- Problem: Auf einer komplexen Website können Benutzer/-innen sehr leicht die Orientierung verlieren
- Lösung: Zeige den hierarchischen Pfad von der Startseite bis zur aktuellen Seite an und führe jeden Schritt als Hyperlink aus.
Beispiel aus der Pädagogik:
- Mustername: Fülle die Leerstellen aus
- Problem: Gerade Anfänger/-innen brauchen bedeutungsvolle Beispiele um ihr Interesse zu wecken und um ein holistisches Verständnis von der Sache zu gewinnen. Andererseits fehlt ihnen jedoch gerade zu Beginn das Know-How für diese komplexen Aufgaben.
- Lösung: Gib den Studierenden komplexe authentische Beispiele bei denen jedoch kleinere einfache Teile fehlen, die als Übung auszufüllen sind.
Diskussion um die Struktur der Beschreibung
So praktisch die obigen Anwendungsbeispiele sein mögen, sie zeigen keinen inhaltlichen sondern nur formale Ähnlichkeiten (Name-Problem-Lösung). Die Diskussion in der Pattern-Community kreist häufig um die Struktur der Beschreibung:
- Soll noch ein eigener Unterpunkt aufgenommen werden, der die Wechselwirkung der Kräfte darstellt und analysiert?
- Soll nicht auch eine Rubrik "Konsequenzen" aufgenommen werden, wo die Ergebnisse samt ihren Trade-Offs und Kompromissen diskutiert werden?
- Konsensuell und besonders wichtig ist es vor allem, dass Anschlussmuster anzuführen sind, denn erst dann werden aus einzelnen Mustern eine Mustersprache (Pattern Language).
- Auch der hierarchische Zusammenhang der Muster soll aufgezeigt werden, indem gesagt wird, aus welchen Muster ein Muster besteht, bzw. in welchen Mustern es selbst als Teil vorkommt.
- Was ist fett, was kursiv und was normal zu schreiben? Wie sollen die einzelnen Teile abgetrennt werden (mit Strich oder Sternchen)?
- Viele meinen, dass es wichtig, so wie Alexander es macht, die Muster mit Sterne zu bewerten:
- Kein Stern: interessant, aber noch nicht validiert, muss möglicherweise noch beträchtlich verändert werden
- Ein Stern: scheint wichtig zu sein, und dürfte nur mehr wenig Modifikation erfahren
- Zwei Sterne: ein zentrales Muster, das sich bereits häufig bewährt hat
Raum und Zeit
Aus meiner Sicht wäre es – statt der manchmal haarspalterischen Diskussion um Beschreibungsformalia – wichtiger, wenn überlegt wird, wie die 15 räumlich definierten Lebenseigenschaften, die Alexander für gute Musterlösungen verantwortlich macht, umgesetzt werden können. Dabei stellt sich dann natürlich auch die Frage, ob diese Eigenschaften überhaupt auf andere Bereiche - wie z.B. der Pädagogik – übertragen werden können.
Aus meiner Sicht handelt es sich bei den nachfolgenden Eigenschaften um Strukturmerkmale der Materie (im philosophischen Sinne hier gebraucht). Um Strukturmerkmale, die so allgemein sind, dass sie nicht nur für Raum sondern auch für Zeit gelten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil wir spätestens nach Einstein wissen, dass wir in einem Raum-Zeitkontinuum leben.
Ich möchte, daher die These vertreten, dass die nachfolgend dargestellten 15 räumlichen Lebenseigenschaften für die Anwendung in der Didaktik zeitlich zu interpretieren sind.
Bei dem Einsatz von Unterrichtsmethoden handelt es sich nicht bloß um die Anwendung bestimmter Techniken, sondern auch um "…einen mehr oder weniger kunstvollen methodischen Gang des Unterrichts, der sich aus der gestellten Lernaufgabe, aus den Lernvoraussetzungen der Schüler und den Rahmenbedingungen der Schule ergibt: viele kleine Schritte, die zusammen ein Ganzes, den Unterricht, ergeben." (Hilbert Meyer: Unterrichtsmethoden, Bd. I, S.38).
Diese Zitat zeigt nicht nur, dass der Unterrichtsprozess eine Zeitdimension hat, sondern auch den Zusammenhang zur Alexanderschen Ganzheitlichkeit. Ich habe den Begriff Didaktischen Szenario gebraucht und auf die dabei wesentliche sozial-räumliche und zeitliche Konfiguration hingewiesen.
Damit möchte ich den ersten Teil dieses Fragments (es ist ja bereits 4 Uhr früh geworden!) abschließen und das nächste Mal in einem Schnellverfahren die 15 räumlich definierten Lebenseigenschaften von Alexander beschreiben und zeitlich uminterpretiert auf die Didaktik anwenden.
Noch ein kleiner Hinweis: Die Erwähnung der Zahl 15 ist nicht entscheidend, 15 stellt nur eine Größenordnung dar.
Throughout my efforts to define these properties, it was always
clear that there were not five, and not hundred, but about fifteen of
these properties. (TNO:242)
Das trifft sich ganz gut mit meinen 12 didaktischen Dimensionen. Doch das ist eine andere Geschichte - darüber ein anderes Mal…
1Hallo Frank: Da ist sie wieder, Deine Kohärenz!
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6 strukturelle Eigenschaften von Leben
Das ist nun die Fortsetzung des Beitrages zu Lebendige Strukturen in Raum und Zeit. Ich möchte zeigen,
- dass die von Alexander beschriebenen räumlichen Eigenschaften für Lebendigkeit als strukturelle Aspekte der Ganzheitlichkeit aufzufassen sind und dass daher auf einer Metaebene diese Eigenschaften auch für die Gestaltung (Design) anderen Gebiete anzuwenden sind und
- dass es in der Pädagogik, dh. beim didaktischen Design neben den (weniger wichtigen) räumlichen Strukturen vor allem um die Gestaltung inhaltlicher, sozialer und zeitlicher Aspekte des Unterrichtsverlaufes bzw. Lernprozesses geht.
Ursprünglich wollte ich nun hier alle 15 von Alexander angeführten strukturellen Eigenschaften für Leben anführen. Das ist aber für meinen exemplarischen Argumentationsgang gar nicht notwendig. Es geht mir hier vorerst nicht darum, dass ich jede einzelne Eigenschaft analysiere, auf die Didaktik umlege und darauf dann entsprechende Muster generiere.
Ich möchte hier noch nicht mit in einer Sammlung didaktischer Entwurfsmuster beginnen, die vielleicht sogar zu einem Handbuch für die Unterrichtsgestaltung verdichtet werden könnten. (Ich glaube übrigens, dass solch ein Werk nicht isoliert geschrieben werden kann, sondern dass sich hier eine kooperative Vorgangsweise über ein Wiki anbieten würde.)
Nein, ich will hier noch gar nicht inhaltlich überzeugen. Ich verfolge einen viel einfacheren Zweck: Ich möchte zeigen, dass eine Anwendung der Alexanderschen Strukturmomente auf die Didaktik prinzipiell möglich ist.
1. Levels of Scale (Größenverhältnisse variieren)
Darunter versteht Alexander die Beobachtung, dass in Objekten, die auch Zentren unterschiedlicher Größenordnungen bestehen, eher die Lebenseigenschaft aufweisen, als Zentren gleich großer Granularität1. Dabei ist es wichtig, dass es klar definierte Sprünge gibt und dass die Größenverhältnisse weder zu extrem noch zu minimal sein dürfen. Weder strukturiert ein kleiner Punkt in einer großen Leinwand die große Betrachtungsfläche noch wirken viele gleich kleine (oder gleich große) Quadrate/Rechtecke strukturierend oder auflockernd. Gute (lebendige) Strukturen werden durch Größenverhältnisse von 1:2 bis 1:4, seltener bis 1:10 und überhaupt nurmehr in Ausnahmefällen bei 1:20 erzeugt.
Dieses Strukturmerkmal lässt sich leicht in die Didaktik übersetzen: Weder sind lange Vorträge noch ständige Interaktionen für den einen guten Prozessualen Unterrichtsverlauf ideal. Eine systematische Mischung und Variabiltität der unterschiedlichen Unterrichtsformen im Zeitablauf sind sicherlich abwechslungsreicher. Sie lockern auf und bringen einen "lebendigeren" Unterricht mit sich.
Wenn wir z.B. die didaktische Methode des Kugellagers hernehmen, dann kann diese interessante didaktische Gestaltung fürchterlich nervtötend sein, wenn zu viele Stationen, um die sich das Kugellager monoton, im immer gleichen Zeittakt dreht, eingeplant sind.
2. Strong Centers (Starke Zentren)
Obwohl Ganzheitlichkeit generell aus Zentren besteht, wird Lebendigkeit durch starke, d.h. besonders dominante Zentren unterstützt. Sie fokussieren, stellen einen markanten Bezugs- und Ausgangspunkt dar, um den sich andere (kleinere) Zentren bewegen. Bei Alexander sind es dominate, sich wiederholende Ornamente, große Räume, die die Wohnung funktionell strukturieren, oder eine herausragende, hervorgehobene Form (z.b. die Positionierung von St. Marks innerhalb der Piazza San Marco in Venedig.
Sowohl die unterschiedlichen Größenverhältnisse als auch das Konzept der starken Zentren ist rekursiv zu verstehen.
In der Didaktik könnte solch ein starke Zentrum durch eine längerfristige interdisziplinäre Problemstellung gegeben sein (z.b. bei Projekten), durch eine herausragende soziale Form (z.B. Probleme werden in abwechselnd zusammengesetzten Kleingruppen behandelt) oder durch eine zentrale, immer wieder kehrende zeitliche Taktung der Bearbeitungsformen (z.b. Start mit Keynote um anschließend dien Konferenz in parallel geführte Sektionen weiter zu führen.
3. Boundaries (Grenzen)
Es ist wichtig, dass unterschiedliche Räume nicht übergangslos ineinander fließen. Die Abgrenzungen stärken einerseits das Zentrum und helfen andererseits überhaupt erst diese Zentren auch zu bilden. Gleichzeitig stellen die Grenzen auch die Verbindungsnähte der Zentren zueinander dar. Gäbe es keine Grenzen, wäre alles ein amorpher Brei.
Es ist eine eigene Kunst die Grenzen so zu gestalten, dass sie beide Funktionen der Abgrenzung und der Verbindung gleichzeitig erfüllen können. Der Gestaltung der Grenzen ist dementsprechend große Aufmerksamkeit zu schenken, Grenzen sind selbst eigene Zentren. - Und wieder schlägt die Rekursivität zu: Auch Grenzen brauchen Grenzen...
Wir wissen inzwischen, dass die Methodik von Anfangs- und Schlusssequenzen sowie der Pausengestaltung2 von enormer didaktischer Bedeutung für den Lernprozess sind.
4. Alternating Repetition (Alternierende Wiederholung)
Zentren intensivieren sich gegenseitig durch Wiederholung. Allerdings nicht durch bloß einfache Wiederholung der immer gleichen Sache, sondern durch alternativ abwechselnde, rhythmisierende Wiederholungen. Während Alexander als Beispiele Ornamente, Dachziegeln, Wellen einer Brandung heranzieht, können wir für die Didaktik als Beispiele den Wechsel zwischen Vortrag, Gruppenarbeit und Stillarbeit, oder anderer wechselnder Unterrichtsmethoden heranziehen. Auch der Wechsel zwischen Arbeits- Interaktions- und Relefexionssequenzen wäre ein Beispiel.
Wichtig dabei ist es, dass diese Wiederholungen nicht schematisch und inhaltsleer sind. So wie eine Fassade eines Hochhauses mit komplett gleichen Fenstern tot wirkt, so langweilen auch immer formal wiederkehrende Routinen bzw. rhytmischer Wechsel der auf inhaltlichen Banalitäten beruht.
Why is alternating repetition more satisfying, more prodund, than simple repetition? One answer lies, once again, in the recursivness of the rule… And often even the repetition itself repeats…More exactly, it seems that what is really happening ist not repetition, but oszillation. (170f.)
5. Positive Space (Positiver Leer/Frei-Raum)
Leerraum zwischen Elementen ist für Alexander ein eigenes gestalterisches Element. Dieser Leerraum ist dann als positiv zu sehen, wenn er selbst eine positive Form hat, die die Zentrum hervorhebt und unterstützt, d.h. wenn er selbst ein Zentrum bildet und nicht ein notwendige Überbleibsel, einen unvermeidlichen Rest darstellt.
Typisch in der Didaktik ist der Umgang mit (überraschend entstandenen) Freistunden, die dann mit dem Einwerfen eines Videos "gefüllt" werden. Aber auch der Umgang mit restlicher, übrig gebliebener Unterrichtszeit kann häufig in der Alltagspraxis des Schulunterrichts nicht positiv genutzt werden (z.B. durch Bewegungsübungen ( , 2,3 MB)
6. Good Shape (Gute Gestalt)
What ist a "good shape"? What is it made of? It is easiest to understand good shape as a recursive role. The recursive role says that the elements of any good shape are always good shape themselves… A good shape is a center which is mande of powerfuk intense centers, which have good shape themselves." (279 und 181)
Eine gute Getaltung wird durch einfache Formen erzeugt und es ist wichtig zu verstehen, dass die Gestalt kein eigenes Element darstellt, sondern eine emergente Eigenschaft der Konfiguration darstellt, d.h. der Ganzheitlichkeit selbst erwächst.
mhhh. Ich glaube, dass es auch in den Unterrichtsmethoden, in der didaktischen Gestaltung so etwas wie eine "gute Gestalt" gibt. Ich tue mir jedoch jetzt schwer hier konsensfähige Beispiele zu bringen, die einerseits nicht trivial sind (Einleitung - Hauptteil - Schluss) oder durch ihren metaphorischen Charakter sich gegen eine direkte Anwendung sperren. Solche – aus meiner Sicht nicht gerade immer glückliche – Modellvorstellungen sind beispielsweise (vgl. Hilbert Meyer: Unterrichtsmethoden II: Praxisband, S.105f.):
- Das Bild der Straße: Lernende maschieren – begleitet vom Lehrer/der Lehrerin – auf einer Straße vom Start bis zum vorgegebenen Ziel. Die Lehrperson führt die Wanderung an, räumt Hindernisse aus dem Weg, spricht Mut bei einer Steigung zu etc. etc.
- Das Bild der Treppe: Lernende steigen eine Treppe hoch. Lehrpersonen sorgen dafür, dass die Stufenfolgen gleich hoch sind, korrekt hintereinander kommen, keine Lernenden stolpern oder abstürzen etc. etc.
- Das Bild ineinander geschachtelter Kartons: Der Bildungsprozess wird als ineinander verschachtelte Schrittfolge vorgestellt und nimmt die Gestalt eines hierarchisch strukturierten Prozesses an. Jede höhere Ebene erfordert die Berherrschung der unteren Ebene, setzt die Aneignung von Komptenzen auf einer niedrigeren Stufe voraus.
- Das Bild von unterschiedlichen und getrennten Plattformen: Lernende verweilen bei bestimmten Themen und eigenen sich alles, was damit rundherum in Verbindung steht, an. Danach springen sie nur nächsten Plattform. Sowohl der Sprung als auch die Freiräume (Mut zur Lücke) muss ebenfalls gestaltet werden.
- Das Bild von Vertiefung und Besinnung: Unterricht wird hier wie Ein- und Ausatmen als eine rhythmische Aktivität, d.h. bewusst herbeigeführter Wechsel von aufnehmenden, vertiefenden und refelektierenden Phasen interpetiert.
- Das Bild der Spirale: Der Lernprozess wird als Kreisprozess verstanden, der sich von der Aneignung, über die Vertiefung bis zur Anwendung entwickelt um dann auf einer höheren Ebene (höheren Schwierigkeitsgrad etc.) die nächste Runde zu beginnen.
- Das Bild der Pflanze: Der Bildungsprozess wird in Analogie zu einer sich schrittweise aus sich selbst entwickelnden Pflanze interpretiert.
Zusammenfassung
Wenn auch manche Vorstellungen trivial oder auch kritisch zu hinterfragen sind, so zeigen diese Beispiele doch, dass die von Alexander aufgegriffenen räumlichen Strukturelemente unabhängig und in übertragener Form bereits seit langer Zeit auch in der Didaktik angewendet werden. Allerdings wird aus meiner Sicht – zum Unterschied von Alexander – der Fehler gemacht, dass eine allgemeingültige lerntheoretische Begründung eines dieser Strukturmomente gesucht wird. Das Novum und die Kunst der (didaktischen) Gestaltung, die wir von Alexander lernen, besteht gerade die verschiedenen Strukturmerkmale so miteinander zu sich gegenseitig unterstützende Zentren zu kombinieren, dass Ganzheitlichkeit entsteht. Oder umgekehrt: Eine Ganzheitlich zu konzipieren, aus deren "Feldstärke" die angeführten Zentren induziert werden, dh. emergieren.
Es ist vielleicht noch wichtig hier festzuhalten, dass der aus meiner Sicht gelungene Nachweise, dass die Alexanderschen Strukturmerkmale übertragen werden können, noch nicht unbedingt heißt, dass damit auch ein sinnvoller Fortschritt in der pädagogisch/didaktischen Theorie und Praxis verbunden ist. Die von mir oben angeführten didaktischen Beispiele wurden schnell innerhalb eines sonntäglichen Nachmittags generiert und sind sehr allgemein und zum Teil trivial. Ich wollte nicht mit den Inhalten, sondern mit der Transferleistung überzeugen.
Außerdem muss ich zugeben, dass ich diese Übertragung nicht nur vorerst sehr oberflächlich vorgenommen, sondern dass ich erst 250 Seiten des 1. Bandes The Nature of Order (das ist etwa die Hälfte des 1. Bandes) gelesen haben. Band 2-4 stehen noch völlig ungelesen in meinem Regal! Bevor ich hier also mehr eine solide Analyse und Anwendung vornehmen kann, muss ich wohl noch eine Reihe weitere Lesesequenzen einlegen.
1 Der Begriff der Granularität wurde hier von absichtlich ins Spiel gebracht, weil er innerhalb des E-Learning bzw. vor allem in der Produktion von Lernobjekten, eine Bedeutung hat. Unter Granularität (Körnigkeit) verstehe ich die typische systemweite Größenordnung, die ein (Lern-)Objekt vorzugsweise haben soll. Mit "Systemweit" kann auch eine einzelne Schicht (Niveau, Level) innerhalb eine hierarchischen strukturierten System gemeint sein.
2 Altrichter Herbert: Pausen - Eine hochschuldidaktische "Entdeckung". In: Zeitschrift für Hochschuldidaktik 8(1984)4, S. 527-538.
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20.04.2009
Je tiefer ich mich in das 4-bändige Hauptwerk "The Nature of Order" von Christopher Alexander hineinlese, desto klarer wird es für mich, dass die Sichtweise der Pattern-Community zumindest ungenügend, wenn nicht gar falsch ist. Obwohl ich erst bei der Mitte des 2. Bandes angelangt bin, kristallisieren sich einige neue (Kritik-)Punkte zur Rezeption des Patternansatzes heraus.
1. Radikales Verständnis von Emergenz
Der erste Punkt betrifft gleich mein eigenes Verständnis von Emergenz, das – zumindest soweit es Christopher Alexander betrifft - falsch ist. In meinem Weblogeintrag Muster als emergentes Phänomen habe ich geschrieben:
Emergenz und Muster:
Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen sehe ich - vereinfacht gesagt - darin, dass die Elemente der "unteren" Ebene auf der "oberen" Ebene ein Muster bilden. Diese (neue) Organisationsform auf der höheren Ebene ist es, die für das Entstehen neuer Eigenschaften, Funktionen etc, also das was dann als emergentes Phänomen bezeichnet wird, verantwortlich ist.
Im Anhang zum 1. Band von "The Nature of Order" – den ich damals noch nicht gelesen habe – weit Alexander darauf hin, dass die von mir beschriebene Form von Emergenz noch nichts Besonderes ist und durchaus mit einem mechanistischen Weltverständnis vereinbar ist:
It is commonplace that a system as a whole has properties which are caused by cooperation of elements. It is also commonplace that the behavior of the system as a whole my therefore be new or unexpected … In the mechanistic view of things, the cooperation of different elements can produce new measures in the whole. However, the individual measures of the individual elements are always defined locally, not globally, and remein unchanged as the elements into combinations. (I, 459)
Das Entscheidende aber in der Sichtweise von Alexander ist es,
- dass seine Lebendigkeitszentren immer von der Gesamtheit abhängen,
- dass sie keine lokale sondern eine globale Eigenschaft sind,
- dass sie durch eine rekursive Funktion definiert werden,
- dass sie selbst-referentiell sind.
2. Zusammenhang zwischen Muster und Lebendigkeitszentren
In meiner Diskussion mit Christian Kohls hebe ich immer wieder hervor, dass für das Verständnis des Musteransatzes von Alexander ganz entscheidend ist seine 15 Strukturen der Lebendigkeit einzubeziehen.Christian hingegen meint:
Zum einen gibt es die Muster, die erfolgreiche, wohlgeformte,
ganzheitliche Lösungsformen erfassen und begründen. Aus praktischer
Sicht kann dies bereits genug sein, ohne dass man sich mit
fundamentalen Eigenschaften auseinander setzt. (Aus seinem Kommentar zu meinem Eintrag Lebendige Strukturen in Raum und Zeit II.)
Inzwischen halte ich diese Auffassung für falsch und für das Grundübel der reduzierten Sichtweise innerhalb der Pattern-Community. Es sind nämlich diese 15 Eigenschaften, die Lebendigkeitszentren hervorbringen. Nicht nur das: Diese 15 Eigenschaften stellen nicht nur statische Strukturmerkmale dar, sondern sind auch der Weg, wie sie – über strukturerhaltende Transformationen – Schritt für Schritt erzeugt werden!
Ständig werden Muster im Sinne von Alexander nur als Lösungsschablonen – also statisch - gesehen:
Patterns (dt. Muster) sind ein
systematischer Weg, erprobte Lösungsformen für wiederkehrende
Problemstellungen zu dokumentieren und klassifizieren. Die Grundlage
hierfür sind stets Erfahrungen aus der Praxis.
Ein didaktisches Muster erfasst die Regelmäßigkeiten erfolgreicher
Praktiken (good/best practices) mit der Zielsetzung, erprobte Methoden,
Szenarien, Aufbereitungstechniken wiederzuverwenden und auf neue
Gestaltungsaufgaben zu übertragen. Im Wesentlichen geht es also darum,
das Rad nicht neu zu erfinden, sondern auf Bewährtes zurückzugreifen.(Aus http://www.e-teaching.org/didaktik/konzeption/entwurfsmuster)
Nach Alexander sind Muster jedoch eine generische Regel zur schrittweisen Entfaltung von Lebendigkeitszentren. Das ist ein himmelhaushoher Unterschied zur obigen Definition. Im Band II gibt es ein eigenes Kapitel, wo das Verhältnis der 15 Eigenschaften zu der früheren Pattern Language dargelegt werden (Patterns: Generic Rules for Making Centers, pp.342). So heißt es dort unter anderem:
… every new pattern defined under the theory of pattern languages is a rule for creating a certain type of (new) living center, needed and appropriate in a given range of contexts. (p.345)
Tstsächlich hat Alexander seine Muster durch jahrzehntelange Erfahrungen gebildet. Aber darin drückt sich bloß aus, dass er im Zuge seiner Studien erst 20 Jahre später klar erkannte, dass sich in allen diesen Mustern die von ihm in The Nature of Order dargelegten (statischen) Strukturmerkmale und (dynamischen) Transformationsprozesse wieder finden. Ohne eine ausführliche Diskussion über Inhalt und Anwendung dieser Regeln (für verschiedene Fachgebiete) bleibt das Entwickeln von Mustern ein blindes Stochern nach einer Nadel in einem Heuhaufen!
(wird fortgesetzt)
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21.04.2009
Ich setze hier meine Kritik zur Rezeption des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander fort. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier mir in erster Linie (noch) gar nicht darum, zu prüfen inwieweit Alexander mit seinen Ideen zuzustimmen wäre. Das wäre zweite – einer der korrekten Rezeption folgende, von ihr abgeleitete – Fragestellung. Ich möchte in erster Linie mal nachweisen, dass das Verständnis der Pattern Community zu den Ideen von Christopher Alexander, auf den sie sich ja bewusst und ständig bezieht, im besten Fall rudimentär bzw. ungenügend, wenn nicht überhaupt falsch sind.
Im dazugehörigen vorigen Artikel habe ich auf zwei Aspekte hingewiesen:
- Emergenz: Der Frage, was Emergenz in einem bestimmten Anwendungsfall heißt,
wird zu wenig Beachtung geschenkt. Ich selbst habe mich zwar durchaus
mit Emergenz beschäftigt, habe sie aber nicht von "oben" augehend von
der "Wholeness" gedacht, sondern als neu auftauchendes Phänomen der
Konfiguration bzw. Struktur der Elemente bloß der unteren Ebene. (Im
übrigen bringt Alexander hier das schöne Beispiel des Doppelspaltexperiments aus der Physik, wonach in seiner – den Arbeiten von David Bohm folgenden – Interpretation die Konfiguration des gesamten experimentiellen Aufbaus das Verhalten der einzelnen Elektronen bestimmt.)
- Struktureigenschaften/Transformationsregeln: Die neueren Arbeiten, die Alexander 20 Jahre nach dem vielfach zitierten Werken "The Timeless Way of Building" und "A Pattern Language" geschrieben hat, fanden bisher kaum Beachtung. Der darin dargestellte Versuch der philosophischen Begründung wirft ein anderes Licht auf den Musteransatz als dies bisher der Fall ist. Die im 4 bändigen Werk "The Nature of Order" diskutierten 15 Struktureigenschaften, die gleichzeitig auch Regeln für strukturerhaltende (d.h. die "Wholeness" erhaltende) Transformationen darstellen, ermöglichen einen anderen – aus meiner Sicht – tieferen Zugang zu den Ideen von Alexander.
3. Geometrie und Raum
Ich habe die Vermutung, dass die 15 Struktureigenschaften von Alexander vor allem deshalb ignoriert werden, weil sie für viele Fachgebiete nicht so einfach umzusetzen bzw. anzuwenden sind. Sie beziehen sich ja alle auf geometrische, räumliche Strukturen, auf Formaspekte. Wie sollen aber z.B. die Strukturmoment "The Void", "positive Space" (Leere/Freiraum bzw. positiver Zwischenraum in der Übersetzung von Helmut) für die Konstruktion von Mustern z.B. in der Pädagogik nutzbar gemacht werden?
Die Pattern Community scheint nach folgendem Motto vorzugehen: "Muster sind praktisch und haben sich vielfach bewährt. Der philosophische Klim-bim ist nicht so wichtig und z.T. sowie unverständlich. Basteln wir also weiter an unseren Mustern." Fazit: Was wir nicht verstehen oder gebrauchen können, das ignorieren wir.
Damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin durchaus dafür nicht an den Worten "großer Meister" zu kleben, die Arbeiten wichtiger Persönlichkeiten weiter zu entwickeln, nicht jedes Wort auf die Goldschale zu legen usw. usf. Aber sollte das nicht erst nach einer kritisch reflektieren Diskussion erfolgen? Sollte nicht zuerst der Zusammenhang dargestellt werden und dann überlegt werden, ob diese Ideen umgesetzt werden können? Und wenn nicht, warum sie nicht umgesetzt werden können?
Aus meiner Sicht sind die 15 Eigenschaften und Transformationsregeln nicht einfach weg zu wischen. Sie stellen für Alexander nicht nur ein paar rudimentäre Ideen, perhiphere Aspekte dar, sondern sind wesentliche Momente seiner Theorie, seiner philosophischen Weltsicht. Nicht umsonst heißt es ganz allgemein "The Nature of Order" (Das Wesen der Ordnung) und dann im Untertitel: "An Essay on the Art of Building and The Nature of the Universe." Alexander ist der Auffassung, dass seine 15 Eigenschaften bzw. Regeln in allen möglichen Naturerscheinungen bzw. Naturprozessen vorkommen und er bringt dazu -zig Beispiele auf hunderte von Seiten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen.
Wie gesagt: Ich glaube, dass seine grundlegende philosophische Basis vor allem wegen den Schwierigkeiten ihrer Übersetzung/Umsetzung ignoriert wird. Ich persönlich z.B. hatte (und habe) ständig Probleme mit meinem Alltagsverständnis von Geometrie, die ich als die Lehre von den räumlichen Eigenschaften eines Gegenstandes betrachte. Doch Geometrie als Formenlehre kann auch allgemeiner als Lehre von den Strukturen verstanden werden. Alexander verwendet auch häufig den Begriff der "Form" bzw. auch den Begriff der Morphologie (= die Lehre von den Formen).
Ich glaube daher, dass wir "räumliche Aspekte" durch Aspekte der Form oder auch Aspekte der Struktur übersetzen können. Das heißt, dass es darum geht in den jeweiligen Fachgebieten nach Strukturen zu suchen, die (a) wesentliche Elemente für die Ganzheitlichkeit des Musters bilden und (b) gleichzeitig auch Regeln für eine schrittweise Adaption (strukturerhaltende Tranformation) darstellen. Die von Alexander angeführten 15 Eigenschaften können dabei als Ausgangspunkt dienen, die für das jeweilige Fachgebiet "übersetzt" werden müssen.
Dabei kann sich zweierlei ergeben:
- Es kann sich zeigen, dass nicht alle 15 Eigenschaften gleichermaßen wichtig sind oder aber noch andere hinzu kommen müssen. Das wäre aber im Sinne der Alexander'schen Ideen eine (wünschbare) Weiterentwicklung seiner Theorie bzw. seines Ansatzes.
- Es zeigt sich, dass es keine sinnvolle Übersetzung gibt. Dann wäre natürlich zu fragen, in wie weit der Ansatz von Alexander überhaupt generell zutrifft. Ist es nur ein brauchbarer Ansatz für die Architektur? Oder – wenn der Ansatz an sich fehlerhaft ist – ist er vielleicht auch für die Architektur unbrauchbar? (Ich kenne mich zuwenig aus in der Architektur, habe aber gehört, dass Alexander in der Architekturcommunity durchaus nicht unumstritten ist.)
Ich habe in einem Beitrag zu zeigen versucht, dass eine Übersetzung der Alexander'schen Struktureigenschaften in der Pädagogik durchaus Sinn machen könnte. Ich bin mir da aber (a) noch unsicher, vor allem was den praktischen Gehalt solcher Übersetzungsleistungen angeht und (b) es fehlt vor allem bei vielen der 15 Eigenschaften noch eine ausführliche Diskussion wie eine solche "Übersetzung" aussehen könnte. Ich bin generell davon ausgegangen, dass es ein Zeit-Raumkontinuum gibt, dass also auch zeitliche Formen/Strukturen in die Überlegungen einbezogen werden können. Tatsächlich - und darauf weist auch schon Helmut Leitner in seinem Kommentar zu Mustertheorie: eine Buchrezension hin – gibt es in der Didaktik Diskussionen, die auf prozessuale Aspekte des Unterrichts und damit auf Verlaufsformen, Dramaturgie, Choreographie etc, Bezug nehmen. – Das müsste aber noch näher ausgearbeitet werden: Sind alle räumlichen Aspekte in zeitliche Aspekte zu übersetzen? Oder sind nicht auch räumliche – und vor allem soziale! – Formen ebenfalls zu berücksichtigen? Wie können die 15 Struktureigenschaften in soziale Aspekte umgesetzt werden????
4. Mathematik
Alexander versucht seinen Ideen auch eine objektive, sogar mathematische Fundierung zu geben ("objektiven Lebendigkeit"). Das wird von vielen Leuten aus der Pattern Community mit Naserümpfen – sozusagen als eine Verirrung – betrachtet. So schreibt z.B. Helmut Leitner in seinem Kommentar:
Sicher ist jedenfalls, dass Alexander niemals meint, dass man einen
Lebendigkeitsgrad numerisch würde angeben können. Dort wo er als
Mathematiker Versuche dazu unternommen hat, ist er gescheitert und er
dokumentiert auch dieses Scheitern.
Ich sehe das nicht so eindeutig: Ich glaube, dass wir uns dieser Frage nach Objektivität und mathematischer Erfassbarkeit durchaus stellen müssen. Ich sehe darin auch nichts Abartiges, sozusagen eine Verfehlung. Helmut Leitner erwähnt, dass er mit Nikos Salingaros (siehe auch Nikos Salingaros in Wikipedia) in Diskussion steht. Salingaros Arbeiten zur mathematischen Behandlung von Lebendigkeits bei Gebäuden wird im Anhang zum 1. Band von "The Nature of Order" positiv dargestellt. Es wird zwar von Alexander zugegeben, dass noch einiges zu tun ist, und dass das Maß der von Salingaros entwickelten Ganzheitlichkeit bei Gebäauden noch rudimentär ist, dass aber die Ergebnisse bereits sehr gut sind und auf jeden Fall der eingeschlagene Weg korrekt ist. Von Scheitern also keine Spur.
Ich gebe zu, dass es für viele Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen nicht leicht zu verdauen ist, wenn versucht wird, Lebensprozesse mathematisch zu erfassen. Aber was ist das Problem dabei? Kommt darin nicht nur das (eigene) Vorurteil zur mathematischen Behandlung von Problemen und Prozessen zum Ausdruck?
Die Frage ob sich die Lebendigkeit "objektiv" (d.h. intersubjektiv) feststellen lässt, ist im Theoriegebäude von Alexander zentral. Wenn nämlich diese Aussage nicht zutrifft, dann brechen viele der Annahmen von Alexander zusammen, dann gibt es vor allem keinen Zusammenhang mehr mit "objektiven" Naturgesetzen. Dann ist alles zurück geworfen auf subjektives ästhetisches Empfinden.
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26.04.2009
Strategische Überlegungen zur 1. Forschungswerkstatt "Didaktische Entwurfsmuster"
Am 24./25. April 2009 fand zum ersten Mal eine Forschungswerkstatt meines Departments statt. Aus meiner Sicht – und ich habe darüber bereits berichtet – ist diese Veranstaltung äußerst erfolgreich abgelaufen, was sicherlich auch mit den besonderen Format zu tun hatte.
Ich habe bereits über meine persönlichen Eindrücke zum Ablauf der Veranstaltung berichtet. Hier versuche ich nun diese Besonderheiten zu analysieren und zu beschreiben. Ich verwende dazu – eher spielerisch, also (noch) nicht wirklich ernst gemeint – ein Beschreibungsformat das sich an die Pattern-Community anlehnt: Kontext-Problem-Lösung.
Der Kontext
Im Zuge der von mir bereits beschriebenen Überlegungen zu einer Forschungsoffensive,
habe ich mir die folgende Fragen gestellt: Wie kann ich es erreichen,
dass innerhalb der speziellen Bedingungen an der Donau-Universität
Krems (DUK) – wo wir dzt. 80% (!) unseres Budgets durch Drittmittel
hereinholen müssen – eine Forschungskultur an meinem Department
aufgebaut wird? Eine Erhöhung der Taktzahl und/oder der Größenordnung
von Projekten kann dies aus meiner Sicht alleine
nicht erreichen: In der budgetären Logik der DUK können
sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte nicht den geforderten
(budgetären) Freiraum schaffen, um über das einzelne Projekt
hinausgehend, längerfristige zusammenhängende Forschungsthemen zu
verfolgen. So
sind z.B. die Arbeitszeiten für grundlegende Publikationen (z.B.
Monografien) in diesem System der Vollkostenrechnung nicht finanzierbar.
Dazu kommt noch, dass die DUK als Organisation derzeit kein Promotionsrecht
hat. Daher gibt es auch nicht die Möglichkeit sich über die
inhaltlichen Ausarbeitungen von "kostengünstigen" Promotionsstudierende
sich diesen längerfristigen Forschungsthemen konzentriert zu widmen.
Das Problem
Wenn ich innerhalb der Bedingungen an der DUK mit einer abstrakten und auf eine längerfristige Perspektive angesetzten Diskussion beginne, dann bin ich mit folgenden Schwierigkeiten konfrontiert:
- Meine Mitarbeiter/-innen sind zwar projekterfahren, haben sich aber über das Tagesgeschäft hinaus bisher kaum mit grundsätzlichen Fragen der Forschungsprogrammatik beschäftigen können.
- Eine Diskussion zur Forschungsprogrammatik kommt immer in zeitlichen und budgetären Widerspruch zum "normalen" stark marktabhängigen Tagesablauf an der DUK. Einerseits weil sie laufende, zeitlich befristete Projektarbeiten "behindern"; andererseits weil die unmittelbare Verwertbarkeit für einen Projektantrag nicht sofort sichtbar bzw. umsetzbar ist.
- Es fehlt an der DUK bzw. an meinem Department an zeitlichen und personellen Ressourcen um über einen längeren Zeitraum eine "kritische" Masse von Personen zu einer Gruppe zusammen fassen zu können, die diese längerfristig angelegten Forschungsfragen verfolgen kann.
Ich habe daher nach einem Veranstaltungsformat gesucht, das
- grundsätzliche Fragen der Forschungsprogrammtik in den Mittelpunkt stellt
- sich aus dem Kontext des Alltags der DUK löst und
- eine kritische Masse von interessierten Forscher/-innen nicht nur zusammen bringt, sondern auch für die Inhalte der Forschungsfrage begeistert.
Besonders dieser letzte Aspekt (Begeisterung) ist aus meiner Sicht nur durch persönliche "Eintauchen" in das Forschungsfeld möglich. Das erfordert aber ein Format, das nicht bloß ein interessantes Thema vermittelt, sondern den Teilnehmer/-innen auch erlaubt eine eigene Motivation dazu zu entwickeln.
Die Lösung(saspekte)
Gemeinsame inhaltliche Basis schaffen
Ich habe als Format nach einer Veranstaltungsform gesucht, die den Charakter einer offenen Werkstatt hat, bei der alle Beteiligten sich in einem gemeinsamen Forschungs(produktions)prozess einlassen können. Um dies zu ermöglichen, war ein gewisser Vorlauf notwendig, der den Teilnehmer/-innen die inhaltliche Ausgangslage ("state of the art") darlegt. Es bot sich daher eine zwei-tägige Veranstaltung an: Am ersten Tag wurden Grundlagen vermittelt, darauf aufbauend sollte dann die eigentliche Werkstatt beginnen.
Offenes Thema wählen
Von der inhaltlichen Seite habe ich "Didaktische Entwurfsmuster" gewählt, weil es ein Thema ist, das
- mit den 4-bändigen Werk "The Nature of Order" (TNoO) von Christopher Alexander einen bisher noch recht unbearbeiteten Freiraum hat
- im pädagogisch/didaktischen Bereich aus meiner Sicht noch sehr unbefriedigend bearbeitet ist und daher für meine Studierenden/Kolleginnen einen fachlich interessanten Zugang ermöglichen kann
Einengende Rahmenbedingungen entfernen
Gleichzeitig war es notwendig die Veranstaltung in mehrfacher Form aus dem DUK-Kontext heraus zu lösen:
- Statt sie in den eigenen DUK-Räumlichkeiten abzuhalten, habe ich einen Raum am IFF in Wien angemietet.
- Statt sie für meine Mitarbeiter/-innen als "normale" Dienstreise abzurechnen, habe ich sie als freiwillige Veranstaltung konzipiert, die auf eigene Kosten besucht werden muss und zumindest teilweise außerhalb der "normalen" Arbeitszeit (Samstag) stattfindet.
- Statt sie bloß intern für die eigenen Mitarbeiter/-innen zu konzipieren, habe ich überwiegend Studierende bzw. Kolleg/innen aus meinem inhaltlichen Umfeld als Teilnehmer/-innen eingeladen.
- Statt die Veranstaltung in ein Curriculum einzubinden, oder sie sonst irgendwie mit einem Leistungsnachweis zu verbinden, hatte sie einen völlig unverbindlichen, freiwilligen Charakter.
Der Ablauf hat meine damit verbundene Erwartungshaltung vollauf bestätigt: Es kamen von meinen Mitarbeiter/-innen vor allem jene, die das Thema interessiert (Freitag) und es "opferten" nur jene ihre Samstag-Freizeit, die selbst für sich eine längerfristige Perspektive als Forscher/-innen einnehmen.
Atmosphäre für Werkstattcharakter schaffen
Um einen echten Werkstattcharakter zu ermöglichen, war es notwendig, dass
- zwar eine Richtung aber kein klares Ziel vorgegeben wird,
- die hierarchischen Beziehungen zu den Vortragenden/Moderatoren abgebaut werden,
- für alle Teilnehmer/-innen ein Flow-Erleben als Gruppe entstehen.
Das war wohl die schwierigste Bedingungen und ich bin mir auch nicht sicher, was die eigentlichen Voraussetzungen für das tatsächlich eingetretene Flow-Erleben am Samstag war. Meine Vermutungen dazu lauten:
- Die beidem Moderatoren (Christian Kohls und ich) haben selbst unterschiedliche Positionen gehabt und heftig öffentlich unter einander diskutiert bzw. sich gegenseitig kritisiert.
- Die Teilnehmer/-innen waren sowohl von ihrem akademischen Status als auch von ihren fachlichen Zugängen gemischt zusammen gesetzt.
- Es gab keinen irgendwie gearteteten Leistungsdruck: Weder war ein Zeugnis zu erwerben, noch sonstwie eine Erwartungshaltung zu erfüllen.
- Mit der versuchten Übertragung der 15 Struktureigenschaften von Alexander auf die Pädagogik wurde ein bisher unbeackertes thematisches Feld gefunden, das sowohl die inhaltliche und fachliche Kompetenz der Teilnehmer/-innen angesprochen hat aber gleichzeitig auch immer wieder wissenschaftstheoretische/philosophische Fragestellungen eröffent hat.
Dieses Oszillieren der verschiedenen Ebenen war für mich ganz besonders spannend: Auf der einen Seite sind – so glaube ich zumindest in meinem derzeitigen euphorischem Stadium – wirklich interessante Ergebnisse in diesem Prozess entstanden, auf der anderen Seite wurde ständig über Grundsätzliches nachgedacht, die bisherige/weitere Vorgangsweise in Frage gestellt bzw. reflektiert.
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In seinem (bisher) letzten Kommentar schreibt Helmut Leitner:
Mein Postulat ist, dass die 15 Eigenschaften - das ist vermutlich ein
unerwarteter Paukenschlag, der heftige Diskussionen auslösen kann -
Formkategorien sind, dass sie also unserem kognitiven Apparat angeboren
sind und deswegen Resonanz auslösen.
Ich persönlich finde das gar nicht für einen "unerwarteten Paukenschlag".
- Dass diese 15 Struktureigenschaften nach Alexander als Formkategorien zu verstehen sind, ist uns auch bei der gestrigen Forschungswerkstatt klar geworden.
- Wenn diese 15 Eigenschaften – wie Alexander das meint – intersubjektiv, also "objektiv" in den Aussagen/Gefühlen der befragten Menschen zu messen sind, dann müssen sie sich in unserem Bewusstsein niederschlagen - sonst könnten sie sich nicht in den Befragungen zeigen. Entweder sind eine reine "Erfindung" (selbständige Produktion, Konstruktion) – unseres kognitiven Apparates oder sie werden durch die Wahrnehmung von Objekten/Artefakten in unserem Gehirn induziert und damit ebenfalls – diesmal durch die Außenwelt angestoßen – produziert bzw. konstruiert.
Das ist nicht nur eine Position, die ich stimmig finde, sondern die ich sogar selbst teile. Obwohl vielleicht die 15 Eigenschaften bei Alexander, nicht das letzte Wort sind, es hier mehr, oder andere auch geben mag.
Hier dürften sich aber unsere Haltung (Helmut Leitner, Peter Baumgartner) von der Position von Christian Kohls unterscheiden. (Stimmt das, Christian?)
PS.: Ich habe mir erlaubt die schönen Bilder von Helmut, auf die er in seinem letzten Kommentar verweist, hier in meinem Weblog anzufügen. - Ich hoffe, dass dies ok für Dich ist, Helmut. Sonst kurze Mail schicken!
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23.05.2009
Zur Rezeption der Arbeiten von Christopher Alexander für die Pädagogik
Sorry, ich war und bin die letzten 3 Wochen durch verschiedene unvorhergesehene Zwischenfälle in meinem Department und dann auch noch selbst durch Krankheit nicht mehr dazugekommen hier – in meinem eigenen Weblog! - mit zu diskutieren. Angesichts dieser spannenden, intensiven und sehr verzweigten Diskussion ist es aber auch gar nicht mehr so einfach, hier wieder den Faden zu finden und wieder in die Diskussion hinein zukommen. Das hier ist ein erster Versuch, der zwei Überlegungen zur Grundlage hat:
- Das verschiedene Arbeiten von Christopher Alexander (CA) widerspiegeln unter anderem auch seine persönliche geistige Entwicklung. Das ist bei der Interpretation zu beachten. CA ist nicht gleich CA. Ähnlich wie bei Wittgenstein, wo zwischen einem Frühen (Tractatus) und einem späten Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen) würde ich bei CA mehrere Phasen (mindestens zwei, vielleicht sogar mehr!) unterscheiden.
- Die Arbeiten von CA können sowohl aus verschiedenen Blickwinkel als auch unter einem unterschiedlichen Detailierungsgrad betrachtet werden. Das macht die Diskussion so schwer und vielfältig. Es gibt wissenschafts- und erkenntnistheoretische Aspekte (Wie kommt er zu seinen Strukturmerkmalen? Wie werden Muster entwickelt?), methodische und methodologische Fragestellungen (Ist seine Argumentationskette rational begründet? Sind die daraus gezogenen Schlussfolgerungen legitim? Bilden seine Experimente eine geeigente empirische Ausgangsbasis für seine Schlussfolgerungen?) und dann (gute oder schlechte?) Umsetzungen bzw. Implementierungen der eigenen theoretischen Ansichten.
4 wichtige Fragen
Ralf Hilgenstock stellt in seinem ersten Kommentar meiner Meinung nach vier wichtige Fragen – die auch mich ständig bewegt haben - und deren Beantwortung zu einer Reduktion der Komplexität der Diskussion beitragen kann. Seine vier Fragen führen zu vier verschiedenen Strängen der Diskussion:
- Wie entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften?
- Wie integriert Alexander in seinem Spätwerk TNoO die Pattern?
- Zu welchen Erkenntnissen führen Eigenschaften und Transformationen für die Architektur und für andere Felder, insbesondere der Pädagogik?
- Können seine Eigenschaften und Transformationen als Ausgangspunkte für die theoriegeleitete Entwicklung neuer pädagogischer Pattern dienen?
Ich versuche darauf aus meiner Sicht jeweils ganz schnell – z.T. sicherlich verkürzte – Antworten zu geben:
ad 1.) Wie entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften?
Das ist bereits ein Kernproblem bei der Interpretation seiner Arbeiten. Es gibt keine klar beschriebene methodische Vorgangsweise, aber ich glaube, dass ich nicht ganz falsch liege, wenn ich aufzähle:
- Beobachtung von Naturereignissen und (historischen) Artefakten bzw. Analogiebildung von beobachtbaren Strukturen in Naturprozessen
- Rückwirkende (Struktur- bzw. Form)-Interpretation von Mustern, die sich bewährt haben. Dabei hat er sich CA sowohl auf eigene Erfahrungen, als auch auf Interviews bzw. auslotende Gespräche gestützt.
- (Eklektizistische?) Anleihen aus verschiedenen Theoriegebieten wie Gestalttheorie, Systemtheorie, Theorie komplexer adaptiver Systeme, Chaos- und Katastrophentheorie, Theorie selbstorganisierender Systeme, Konstruktivismus, Quantentheorie und nicht zu vergessen New Age Literatur. (Hier ist besonders das Kapitel "Our Present Picture of the Universe" im 4. Band von TnOO - den ich gerade mühsam lese - aufschlussreich
- Introspektion (innere Wesensschau), sich Hineinfühlen
Ein (kleiner) Teil der bisherigen Diskussion hat sich darum gedreht. So kritisiert Christian Kohls diese unsystematische Vorgangsweise vor allem bei der Gestalttheorie, die fehlenden Referenzen und die insgesamt unsystematische Vorgangsweise. Obwohl ich seiner Kritik in diesem Punkt im Prinzip zustimme, halte ich die Herkunft bzw. Herleitung der 15 Eigenschaften vorerst nicht für so extrem wichtig. Die vordergründige Frage müssten doch sein Ralf Hilgenstocks dritte Frage sein: Bringen diese Eigenschaften etwas in unserer Erkenntnis? Im Generieren von sinnvollen Mustern?
Ich meine ja und das ist meine wesentliche Kritik an der Pattern Community: Dass sie zwar das Ergebnis (die Patternlanguage) verwendet, noch nicht oder aus meiner Sicht noch nicht ausreichend über die Bedeutung dieser Strukturmerkmale für die Entwicklung von Mustern diskutiert.
@Christian: Du verwendest aus meiner Sicht häufig die berechtigte Kritik an die Herangehensweise von CA aber auch seine auch für mich z.T. überzogenen Schlussfolgerungen (darüber später noch genauer) um diese Eigenschaften insgesamt madig zu machen. (Da sollst Du erst mal den 4. Band lesen, wo CA meiner Meinung nach völlig abhebt und beschwörend wird:
Throughout this experiment, I am hoping of course, that you are being as honest as possible, admitting to what you truly experience (Das Fühlen der Verbundenheit mit dem Universum, das nach CA hinter dem Gefühl der Lebendigkeit steckt, pb), and not shielding your experinced feeling with a careful or more artificial point of view that you believe might be acceptable zu science. (TNoO, Vol 4., p.61f.)
Du hängst Dich vor allem am Begriff der Lebendigkeit und seiner unzureichenden Objektivierung auf. Hier stimme ich Helmut Leitner Zusammenfassung am Ende seines Kommentars zu, dass diese von CA wie auch immer (mühsam) erstellte Eigenschaftssammlung nicht ohne Prüfung weggewischt werden soll. Insbesondere wo wir gerade jetzt auf der Forschungswerkstatt gesehen haben, dass einige/viele/alle? dieser Eigenschaften durchaus für die Pädagogik Sinn machen könn(t)en.
ad 2.) Wie integriert Alexander in seinem Spätwerk TNoO die Pattern?
Ich war ja lange Zeit der Meinung, dass die 15+ Eigenschaften, die wesentlichen Strukturmerkmale von Mustern sind. Aus diesem Grund hielt ich es ja auch für so wesentlich, dass wir uns – um bessere Muster generieren zu können – mehr mit diesen Eigenschaften und Transformationen beschäftigen müssen. Mein These ist ja, dass gerade deshalb z.B. die pädagogischen Muster z.B. auf PaedagogicalPattern.org bisher so unbefriedigend und trivial sind, weil die Patterncommunity diesen generischen Zusammenhang nicht sieht bzw. nicht gesehen hat.
Inzwischen meine ich, dass es CA anders sieht, weit komplizierter: Für ihn sind Muster generische Regeln wie Zentren – die für ja für ihn die Hauptverantwortung für Lebendigkeit tragen – überhaupt erst gebildet werden können. Es ist also fast genau umgekehrt: Nicht die Strukturmerkmale sind die Bausteine von Mustern, sondern Muster sind Regeln, die die Strukturmerkmale der Lebendigkeit erzeugen helfen. (vgl. Kapitel 13 vom Bd 2 der TNoO: "Pattern - Generic Rules for Makin Centers or 'Making Life Enjoyable'")
Ich halte dieses 13. Kapitel für einen zentralen Schlüssel für das Verständnis von CA, muss aber zugeben, dass ich es noch nicht ganz verdaut bzw. verstanden habe. Sowohl die 15 strukturerhaltenden Transformationen (also das dynamische Moment, nicht bloß die Eigenschaften oder Merkmale) spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die durch die aktuell kulturell-menschlich bedingten Situation hervorgerufenen Modifikationen als auch psychologische Moment wie Salienz spielen eine wichtige Rolle. – Ich hoffe, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt hierzu mehr sagen kann.
ad 3) und 4) Was ist die Bedeutung der Strukturmerkmale für die Pädagogik?
Das ist für mich der eigentlich Zweck der Übung, d.h. meiner Beschäftigung mit CA. Ich vermute, dass die Strukturmerkmale und Transformationen so "tief", d.h. allgemein angelegt sind, dass sie nicht nur für die Architektur, sondern auch für anderen Bereiche wie z.B. für die Pädagogik Sinn machen. Es sind aus meiner Sicht hier gleich mehrere Fragen relevant:
- Wie können diese allgemeinen strukturellen Eigenschaften auf die Pädagaogik/Didaktik umgelegt werden. Da haben wir in der Forschungswerkstatt interessante und - wie ich glaube - durchaus ermutigende erste Ergebnisse erzielt. Man darf die 15+ CA Eigenschaften nicht bloß in räumlicher Analogie umlegen, sondern auch in zeitlicher, sozialer und inhaltlicher ("Content")-Sicht.
- Wie können solche Eigenschaften systematisch und vollständig abgeleitet, entwickelt, gefunden werden?
- Welche Konsequenzen ergeben sich daraus wiederum für die Bildung von didaktischen Entwurfsmustern?
- Wie lassen sich didaktische Entwurfsmuster in ihrer QWAN (Lebendigkeit, Attraktivität etc.) validieren?
Eine Interpretation von QWAN (Quality Without A Name)
Die intensive Diskussion zwischen Christian Kohls und Helmut Leitner über die Frage ob der Begriff der Lebendigkeit angebracht ist, ob nicht besser Attraktivität gewählt wird oder doch besser bei QWAN verblieben wird, ob eine objektive oder nur subjektive, eine im Objekt liegende oder nur im Auge des Betrachters liegende, eine absolute oder nur im Vergleich d.h. relative Interpretation von diesem Begriffen angebracht ist, hat mich auf folgende Idee gebracht:
Was ist wenn wir diese Diskussion anders formulieren? Wenn wir nämlich
- davon ausgehen, dass in Mustern wie Bildern, Gebäudekomplexen, didaktischen Szenarien etc. generische Regeln als Formelemente vorhanden sind, die das ausmachen, was CA als QWAN bezeichnet und wenn wir
- annehmen, dass diese Formelemente und Transformationsregeln spezifische Wirkungen erzeugen, die sich valide und reproduzierbar messen lassen und wir
- die Frage wie diese Wirkungen zu bewerten sind, ob sie "gut" oder "schlechte" Auswirkungen haben, dahingestellt lassen.
Könnten wir dann nicht davon ausgehen, dass diese generische Regeln nicht gleichermaßen von allen Subjekten wahrgenommen werden, dass es dazu einer entsprechenden Übung, Erfahrung etc. braucht? Wir wären dann dort, wo wie bei qualitativen Untersuchungen in den Sozialwissenschaften sind: Bei der intersubjektiven Varianz von Befragten/BeobachterInnen/Beurteilenden, die durch Schulung und Training zwar verbessert werden kann aber kaum bzw. nur in trivialen Fällen auf 100% gebracht werden kann. Und damit wären wir bei einer Interpretation von QWAN angelangt, mit der auch Du Christian leben können müsstest. Oder liege ich da ganz falsch?
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19.07.2010
Helmut Leitner & Franz Nahrada
In den letzten 14 Tagen hat es in meinem geistigen "Framework" zum Musteransatz eine gewaltige Neuorientierung gegeben. Meine Hauptkritik an den bisherigen Mustern im pädagogischen Bereich war es, dass sie keine Innovation transportieren, sondern trivial sind. (Vgl. dazu meinen Beitrag "Kritik der didaktischen Entwurfsmuster" vom März 2009.)
Nun aber bin ich der Auffassung, dass die Innovation nicht in der Lösung des Musters selbst liegt. Im Gegenteil: Es werden gerade bekannte Lösungen ("Best Practice" Beispiele) herangezogen und im Musterformat beschrieben. Die eigentliche Innovation besteht vielmehr in der Analyse der Bedingungen (Forces & Liabilities), wie sie das Patternformat vorsieht. Die Pattern-Beschreibung ist das Endprodukt einer Analyse von Wechselwirkungen und expliziert sogenanntes "Tacit Knowledge" (implizites Wissen), wie es sich in den durch Erfahrung gewonnen Best Practice Beispielen herauskristallisiert hat. Die eigentliche Innovation ist die Beschreibung der Kräfte & einschränkenden Bedingungen. Doch langsam und der Reihe nach:
Zwei inspirierende Workshops
Die Auslöser für meine neue inhaltliche Sichtweise zum Musteransatz waren zwei Workshops:
- 3.-4. Juli 2010: Mustertheorie
Workshop im Rahmen von GIVE, geleitet von Helmut Leitner:
Dieser Workshop lebte vom unheimlich breitem Wissen zu Alexander, das
Helmut mitbrachte und nicht nur beim Einleitungsreferat sondern ständig –
quasi en passant – einbrachte. Helmut brachte mehrere Kisten Bücher
mit, unter anderem auch alle 13 Buchpublikationen von Christopher
Alexander, die zum Teil nicht mehr – oder zu enorm hohen Preisen nur
mehr antiquarisch – erhältlich sind. Neben den grundsätzliche Diskussion
war für mich der Workshop aber auch durch die Herkunft der TeilnehmerInnen
interessant, die allesamt aus der Themenecke der
Stadt-/Regionalentwicklung kamen: Architektinnen, Öko-Dorf Aktivitsten,
Grätzlaktivisten (Triesterviertel),
Raumplanerinnen, Entwicklungshelfer etc.
- 7.-11. Juli 2010: EuroPLoP 2010. Diese Konferenz
hat nicht nur aus inhaltlichen Gründen eine Trendwende für mein
Verständnis zum Musteransatz eingeläutet, sondern war vor allem auch
durch ihre Organisationsform das Highlight meiner bisherigen – immerhin
schon auf 30 Jahre zurückschauende – Konferenzerfahrung! Doch darüber später in einem eigenen Beitrag.
Musteransatz als eine Schablone für eine differenzierte Problemanalyse
Die nachfolgende Beschreibungen sind erst rudimentäre Gedanken, die meine Sichtweise andeuten aber noch nicht voll inhaltlich argumentieren. Dazu sind mir die intrinsischen Implikationen des Muster-Ansatz – wie ich ihn jetzt verstehe – noch nicht genügend klar.
Auf der EuroPLoP gab es eine Einführung in "Pattern Writing". Dabei wurde klargelegt, dass ein Muster aus 4 Teilen besteht, die miteinander in einer Wechselbeziehung stehen (siehe Grafik).
Die Kräfte oder Widersprüche charakterisieren das Problem in detaillierter Form und Weise. Daraus lassen sich dann Konsequenzen ziehen. Begonnen wird die Analyse jedoch mit einer verfügbaren Lösung; das Pferd wird also von hinten aufgezäumt. Danach kann schon kurz auf die Konsequenzen eingegangen werden; hauptsächlich aber geht es darum das Problem für die betreffende "Best Practice" genau zu beschreiben. Das schließt auch eine erste Formulierung des Kontexts mit ein. Erst danach gibt es ein Wissen bzw. Verständnis zu den wirkenden Kräften bzw. Widersprüchen, für die die Lösung bereits häufig eingesetzt wird. Immer wieder gilt es dabei den "dazwischen liegenden" Kontext zu spezifizieren.
Pattern Experten berichten, dass es sich um einen iterativen Prozess handelt, bei dem vor allem tradiertes Wissen ("Tacit Knowledge") expliziert und weitergegeben wird. Die Schwierigkeiten bestehen in der Zuordnung der einzelnen Bedingungen zu den 5 Begriffen: Dasselbe Problem kann unterschiedliche Lösungen haben, meistens aber ist es eine eigene, angepasst Lösung, die durch unterschiedliche Kräfte charakterisiert wird. Unterschiedliche Lösungen haben ganz unterschiedliche Konsequenzen.
Ein Muster ist also nicht als Idealbild oder Vorbild zu verstehen, sondern es ist immer nur in Bezug zu einem Problem zu verstehen. Auf der Erscheinungsebene ist es eine generative Vorgangsweise für eine spezifische Problemlösung, auf der analytischen Ebene ist es jedoch die detaillierte Analyse und Beschreibung einer bereits bekannten Lösung für ein immer wiederkehrendes Problem innerhalb eines genau spezifizierten Kontexts.
So wie das Muster rückwärts entwickelt wird (die Nummer in der Grafik signalisieren den Weg der Analyse), so ist das Muster auch differenziert zu lesen. Die Sequenz der schriftlichen Präsentation Context -> Problem -> Forces -> Solution -> Conseuences ist nicht die Reihenfolge, wi
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Ich denke, unser wichtigstes Ziel des Workshops, nämlich eine Diskussion über den Entwurfsmuster-Ansatz zu starten und kritische Fragen herauszustellen, haben wir erreicht. Dies zeigen die drei Beiträge auf dieser Webseite, über die ich mich sehr gefreut habe. Im wesentlichen stimme ich mit vielen der hier und den beiden anderen Artikeln genannten Kritikpunkte überein. Insbesondere fällt auf, dass die theoretischen Hintergründe oft aus dem Blick geraten – dies liegt sicherlich am Wesen der Pattern Community, die sich traditionell eher der Praxis als der Theorie verbunden fühlt. Ich selbst sehe dagegen in Entwurfsmustern gerade die Schnittstelle zwischen beidem: Das Herausarbeiten von Regelmäßigkeiten auf einer abstrahierten Ebene ist ein Schritt in Richtung Theoriebildung. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Patterns nichts anderes als theoretische Abhandlungen über den Gegenstand an sich sind. Da in diesem Fall der Gegenstand stets das praxisrelevante Handeln und Gestalten ist, wird in der Pattern Community oft betont, dass es sich um praktisches und nicht um theoretisches Wissen handelt. Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern verstehe die in Mustern zusammengefassten Hypothesen (Muster behandeln immer multikausale Zusammenhänge) eher als Theorien der Praxis. Als solche müssen sie konkret genug sein in dem Sinne, dass sie einen Plan für die Realisierung der beschriebenen Form enthalten. Die Theorie findet ihren Platz meines Erachtens dort, wo es um die Begründung einer Maßnahme, Methode, oder Vorgehensweise geht. Somit sind vor allem die Forces, also die unterstellten Wirkkräfte, theoretischer Natur. Und hier ist die Kritik von Peter Baumgartner und einigen anderen Workshopteilnehmern sehr berechtigt, dass eine Verbindung zu bereits existierenden didaktischen Modellen in der Regel nicht erfolgt sondern eigene Begründungen und Verallgemeinerungen von den Autoren eingebracht werden. Dies gilt auch für die meisten Muster, die ich bislang beschrieben habe. Dies liegt zum einen – ich gebe es zu – an einer gewissen Ignoranz bereits existierender Theorien seitens der Informatiker. Doch zwei weitere Gründe sind zu nennen. Zum einen berücksichtigt der ganzheitliche Ansatz der Entwurfsmuster nicht nur die pädagogisch-didaktischen Herausforderungen sondern auch organisatorische, technische, politische, finanzielle usw. Rahmenbedingungen der Umwelt. Zum anderen lassen sich Theorien nicht immer guten Gewissens einem Entwurfsmuster zuordnen, gerade weil die Theorien zu allgemein sind. Beispiel: Ich hätte für meine Entwurfsmuster für interaktive Grafiken sehr gerne (etablierte) theoretische Begründungen einfließen lassen, teils ist dies auch gelungen. Doch oft sind die theoretischen Prinzipien der Art „Interaktivität ist gut“ (oder die Multimedia-Prinzipien von Richard E. Mayer) nicht angemessen, da der Nutzen nicht an der Interaktivität an sich sondern an der Interaktivitätsform und der passenden Anwendung hängt. Doch dieser Bezug, diese Präzisierung geht oft in Theorien unzulässig verloren. Hier sehe ich den großen Nutzen von Mustern: sie sind für die Praxis konkreter (relevanter) und auch auf theoretischer Ebene meist präziser.
Auf dem Workshop kam wieder einmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Patterns auf. Erkenntnistheoretisch bezieht sich bereits bei Aristoteles die Erkenntnis des Allgemeinen nicht nur auf die Erfahrung der Umwelt sondern auch auf die Erfahrung des Handelns – so geht es etwa in der Medizin nicht nur physische oder physiologische Zusammenhänge sondern auch um die Wirkung ärztlichen Handelns (Handwerk): Der Kamillentee hilft bei Fieber. Das wissenschaftliche liegt darin, dass auch Gründe und Ursachen bekannt sind. Beides wird bei Entwurfsmustern vor allem in den Forces festgehalten. Selbst die sehr einfachen Entwurfsmuster „Patterns for the Doctoral Student“ sind daher ein Stück mehr als Binsenweisheiten, da sie das Rational explizit (und damit empirisch angreifbar) machen. Das Problem mit Handlungswissen ist gerade, dass das implizit beim Experten vorhandene Wissen für ihn trivial, für den Novizen aber durchaus lehrreich ist. Als die Entwurfsmuster im Bereich des Softwaredesigns Einzug erhielten, gab es ebenfalls das „So what?“-Problem. Erfahrene Softwaredesigner haben in den Mustern nichts neues sondern nur ihre lang erprobten Techniken wieder gefunden. Das „Neue“ aber liegt in dem Herausstellen und Verallgemeinern dieser Techniken. So sind etwa neu entdeckte Handlungsweisen einer Tierart keineswegs neu für diese Art. Die Frage ist eher, wann etwas beginnt trivial zu sein. Das Muster „Online-Schulung“ legt nahe, ein „Bitte nicht stören!“-Schild (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/nicht-stoeren/) an die Bürotür zu hängen, damit man bei der Übertragung nicht unterbrochen wird. Im Prinzip ist dies trivial, doch wenn man diese Maßnahme auslässt, kann dies unangenehme Konsequenzen haben. Um die Notwendigkeit zu begründen und die generierten Werte dieser sehr einfachen Lösung im Detail zu erörtern, gibt es eine eigene Musterbeschreibung. Hier bin ich mir selbst (als Autor) nicht mehr sicher, ob nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Den Dreischritt halte ich aber auch hier für sinnvoll und einfachen Checklisten oder Tipps&Tricks-Sammlung überlegen. Tipps&Tricks sind immer nur in einem bestimmten Kontext anwendbar und adressieren bestimmtes Probleme. Die Nennung von Kontext und Problem bringt zusätzliche Erkenntnis. Für den adäquaten Einsatz der Tipps&Tricks ist das Verständnis von Kontext und Problem wichtig, um nicht einfach nur Vorschriften zu befolgen. Bei den Binsenweisheiten handelt es sich daher meiner Meinung nach um Muster auf sehr, sehr feiner Granularitätsstufe. Das literarische Pattern-Format ist dann sicherlich schnell überdimensioniert. Mini-Muster (wie etwa ein „Bitte nicht stören!“-Schild) bedürfen keiner ausführlichen Beschreibung, sie lassen sich oft in einem Satz abhandeln. Z.B. findet sich im Muster „Schulungs-Konzept“ (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/konzept/) eine einfache Binsenweisheit als Stolperstein: „Um nicht durcheinander zu kommen, haken Sie die behandelten Stichpunkte mit einem Stift ab.“. Das hört sich nach einem einfachen Tipp an, ist aber ein vollständiges – wenn auch sehr, sehr kleines - Muster. Denn neben dem Tipp „Stichpunkt abhaken“, der die Lösung darstellt, wird auch die Begründung gegeben, denn der Kontext ist implizit „Schulungs-Konzept“ und das Problem ganz einfach „nicht durcheinander kommen“. In diesem Sinne ist der Tipp nicht präskriptiv sondern generativ, d.h. wegweisend statt vorschreibend. Wo liegt hier nun die QWAN, was ist bei einer so einfachen Regel das emergente Phänomen? Tatsächlich ließe sich dieser ganz kleine Tipp noch weiter in seine Bestandteile zerlegen, z.B. könnte man erörtern, warum der Trainer durcheinander kommt (welche Wirkkräfte sind hier verantwortlich?) und wieso das Abhaken wieder Orientierung gibt (warum werden gerade durch diese Lösung die Wirkkräfte ausbalanciert?). Es fällt schwer, zu benennen, was im Detail gut daran ist, seine Stichwortliste abzuhaken, denn es werden gleich mehrere Ziele erfüllt (z.B. unmittelbare Anzeige wo ich gerade bin, was schon abgearbeitet ist und was noch folgt), die Qualität lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, die Anforderungen auch nicht.
Natürlich macht es keinen Sinn, diese kleinsten Tipps als eigenständige Muster auszuformulieren. Sinnvoll ist es jedoch, auch Tipps nicht nur als Anweisungen sondern als Lösungen für ein Problem in einem Kontext zu behandeln. Spannender sind sicherlich die Muster höherer Ebenen, die sich aus vielen solcher kleiner Muster zusammensetzen und damit neue emergente Eigenschaften erzeugen. Solche Muster sind aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr trivial und beinhalten oft auch neue (d.h. in dem Fall bislang nicht explizierte) Erkenntnisse. Über den erkenntnistheoretischen Wert von Entwurfsmuster wird noch mehr zu sagen sein; ich hoffe, bis zum Symposium „The challenges of the design pattern paradigm for the development of learning environments and experience“ auf der CAL 2009 eine ausgereiftere Position ausgearbeitet zu haben. Weitere Überlegungen finden sich in einer Diskussion im Planet Blog: http://patternlanguagenetwork.org/2008/08/21/validity-resonance-and-aggregation/
Beste Grüße und vielen Dank,
Christian Kohls